In deinen Armen…

Saint Pierre. Es wird Zeit für meinen Dämon und mich sich zu verabschieden.

Ken bleibt noch eine Weile an Bord, kümmert sich um die Formalitäten und versucht dann uns in die Staaten zu folgen. Vielleicht bekommt er einen Direktflug nach Paris und dann weiter… Aber viele Flüge gibt es derzeit nicht von Réunion. Wir werden sehen.

Unsere beiden Seeleute, Eva, Mazikeen und ich jedenfalls, fliegen heute mit einer Falcon über Rom und New York nach Los Angeles. DAS KOSTET EIN VERMÖGEN!

Na ja… Was soll’s? Was sein muss, muss sein. Wenn wir versuchen würden Linienflüge für fünf Personen zu ergattern, wären wir vermutlich zwei Wochen unterwegs und meine Nerven wären am Ende. Nicht, dass die Charterkosten meine Nerven auch überspannt hätten… Für das Geld könnte ich… Ach, lassen wir das!

Wie auch immer, ich freue mich tatsächlich auf den Job in San Diego. Das wurde nämlich als Headquarter für unseren Flugbetrieb festgelegt. Zum Einen wegen der direkten Nähe zum Drehkreuz LA und zum Anderen, wegen der dort freien Kapazitäten auf dem Flughafen. Außerdem konzentriert sich die Arbeit der Charity – und damit auch unserer Airline – für den Anfang auf den Westen der USA. Und für mich ist meine neue Wirkungsstätte gerade mal eine Flugstunde entfernt.

Das Hauptquartier der Charity ist jedoch an der Ostküste in Boston. Vermutlich weil es dort die besten Anwälte gibt. Weil Aniks Charity vermutlich unter Dauerfeuer der US-Pharmaindustrie sein wird… Grins. Okay, nein (Oder vielleicht doch?); Anik ist ein Ostküstenkind, warum, kann ich allerdings nicht kapieren. New Hampshire oder Maine könnte ich ja noch verstehen, aber Boston? Was geht’s mich an… Immerhin turnt mir meine Schwester dann nicht ständig vor der Nase herum.

Also ab zum Flughafen. Wo ich doch so gerne noch die Insel gesehen hätte! Aber die Aussicht in Los Angeles von Joana abgeholt zu werden, schlägt alles.

Ich kann es kaum abwarten, von ihr endlich wieder im Arm gehalten zu werden!

Zukunft: zum Greifen nah

Mazikeen will sich überlegen, ob sie mit mir in unserer Firma arbeiten oder zurück zum Bootsrennsport gehen wird.

Ken sagt, er würde definitiv wieder auf einem Boot anheuern. Er denkt an die Charterboot-Industrie.

Seufz.

Die beiden Seeleute, Bram und Elias, gehen ebenfalls in Réunion von Bord. Mein Boot wird einem örtlichen Brooker übergeben, der regelt dann auch die elende Zollgeschichte. Hoffe ich. Die Formalitäten auf Réunion sind wirklich nervig. Franzosen eben!

Nochmal seufz.

Wie auch immer.

Maze hat die Überholung des Texan-Motors in Auftrag gegeben. Sie ist verrückt! Was das kostet!

„Sie es als verspätetes Muttertagsgeschenk“, grinst sie und zeigt auf Eva.

„Lustig, wirklich! Sehr lustig!“

„Außerdem ist das mein Flieger, falls du dich erinnerst. Und mit meinem Flieger kann ich machen was ich will.

Ach ja, da war ja was. Scheiß-Dämonen!

„Das wird mindestens zwei Wochen dauern. Ich nehme an, du fliegst mit der Comanche nach LA?“

„Jap“, entgegne ich und sie nimmt es zum Anlass gleich nochmal die Mechaniker anzurufen um sie zu bitten, mein zweites Flugzeug durchzuchecken. Verzeihung: ihr zweites Flugzeug. Ich muss sie schnellstens zurückkaufen: Knoten ins Ohr.

Und jetzt Joana anrufen und ihr die Nachricht überbringen. Und Anik fragen, ob sie den Rückflug organisieren kann. Bezahlen darf ich ihn diesmal selbst, da bin ich sicher.

Ich muss jetzt nur noch herausfinden wie.

Sofern die Maste halten…

Dass Eva ihr Kind in meiner Obhut gelassen hat, war mehr als eine Überraschung.

Ich könne mir gar nicht vorstellen, was das für ein Vertrauensbeweis sei, meint Joana.

Doch, ich kann es mir vorstellen: Entweder will Gabby das Balg loswerden, oder sie ist völlig verrückt geworden.

Ernsthaft jetzt mal: Hier draußen ist es gar nicht so ungefährlich und Gabby weiß das. Vor allem auch, weil wir jetzt in den Indischen Ozean segeln und der ist um diese Jahreszeit – Winter – gar nicht so ungefährlich. Hier entstehen eine Menge Stürme, die dann Richtung Süd-Australien ziehen und die Chancen stehen gar nicht schlecht, dass uns der eine oder andere erwischt.

Gabby wird uns auf alle Fälle auf Réunion treffen; ob sie bleibt, wird sich zeigen.

Quelle: Google Earth

Joana arbeitet sich gerade durch Interviews und Talkshow-Auftritte. Sie kann es einfach nicht lassen. Ich verstehe es nicht – Verpflichtungen hin, Verpflichtungen her.

Na ja, ein wenig verstehe ich es schon, ich weiß ja, dass es ihr eigentliches Leben ist und sie nichts anderes kennt. Trotzdem…

Wann Joanas und Gabbys aktuelle Produktionen weitergehen, steht noch in den Sternen. In Kalifornien sieht es ja im Moment ziemlich schlecht aus und auch New York City hat noch enorme Probleme. Ich werde es erleben.

Sofern die Maste halten…

Auf jeden Fall ist es eine ganz neue Sache für mich, die alleinige Verantwortung für ein kleines Kind. Immerhin ist Eva ja ganz pflegeleicht.

Eines zeigt es mir auf jeden Fall: Eigene Kinder – never – ever!

Reiseplanung

Gähn.

Der Wind hat nachgelassen und ist jetzt nicht mehr als eine leichte Brise. Was unsere Ankunft verzögert. Also Zeit gewonnen.

Die vergangene Nacht war harsch. Ich kann überhaupt nicht so weit zählen, wie es nötig wäre um meiner Orgasmusflut gerecht zu werden. Wie soll ich bloß wochenlang ohne Joana auskommen?

Mazikeen sagt, ich soll aufhören zu jammern.

Sie hat ja Recht. Trotzdem…

Irgendwie wird mir jetzt erst bewusst, wie abgöttisch ich Joana liebe. Nicht, dass ich es nicht gewusst hätte, doch wissen und bewusst werden sind unterschiedliche Dinge – glaube ich.

Ich soll mich auf meine zukünftigen Abenteuer konzentrieren, sagt Mazikeen. Meinetwegen. Aber erst wenn Joana von Bord gegangen ist.

Reunion ist angedacht. Es liegt rund 400 Meilen östlich von Madagaskar und damit etwa 2,100 Meilen nordöstlich von Cape Town im Indischen Ozean. Wobei wir natürlich noch um die Südspitze Afrikas herumsegeln müssen. Außerdem: Wenn ich von „Meilen“ schreibe, dann sind natürlich immer internationale nautische Meilen gemeint und nicht etwa die Meilen, die z.B. in England als Längenmaß gelten. (1 nautische Meile = 1,852 Kilometer.)

Da es sich bei Reunion um ein französisches Überseegebiet handelt, gelten hier die Einreisebestimmungen Frankreichs, was also kein Problem darstellen sollte. Zumindest im Moment nicht.

Es gibt aber Alternativen. Wir werden das in den kommenden Tagen besprechen.

Für mich geht es eigentlich hauptsächlich darum, wie lange wir jeweils unterwegs sein werden und ob unsere nächsten Ziele Flughäfen besitzen. Was dann leider die Crozet-Inseln oder die anderen subarktischen Inseln ausschließt. (Wobei ich eigentlich wirklich gerne die arktischen Pinguine gesehen hätte.)

Aber wenn ich mich zwischen Pinguinen und Joana entscheiden muss…

So, jetzt muss ich mich aber wirklich mal von Gabby und Joana erholen. Wenigstens ein paar Stunden.

Der Dämon hält Wache

Ich hätte jetzt nichts gegen eine kleine Flaute.

Denn Lust an Land zu gehen, habe ich im Moment gar keine!

Bei diesem ganzen Theater rund um diesen Scheißvirus und dem ganzen Unsinn, der überall kursiert – ich bin froh, erst einmal abwarten zu können, wie die Leute an Land so drauf sind. Und wie dieser Virus so drauf ist.

Allerdings muss ich sagen, dass Ascension Island für uns wirklich nur ein kleiner Zwischenstopp ist. Wir bunkern dort alles was wir brauchen, laden entweder Joana oder Gabby oder beide ab – je nachdem wie das kleine Tänzchen in Joanas Kabine ausgeht – und sehen zu, dass wir schnellstens verschwinden. Ich glaube kaum, dass es derzeit einen Ort auf der Welt gibt, der wirklich von dem Virus verschont geblieben ist. Und sei die Insel auch noch so klein!

Andererseits…

Da wir in den vergangenen Tage gewaltig Wegstrecke (und damit Zeit) gutgemacht haben, überlegen wir bis nach St. Helena weiterzufahren. Die Vorräte reichen locker.

Dann wäre die nächste Etappe um das Kap der guten Hoffnung bis nach Reunion oder Mauritius im Indischen Ozean auf nur knapp 4.000 Seemeilen zusammengeschrumpft.

Kap der guten Hoffnung

Aber das diskutieren wir noch. Derzeit ist der Wind (true) auf 10 Knoten zurückgegangen, doch dank der günstigen Richtung machen wir immer noch mehr als 5 Knoten in der Stunde am Wind. Und der Seegang ist nicht der Rede wert. Derzeit wäre sogar Sonnenbaden drin, wenn wir keine Schwimmwesten zu tragen hätten. Die sind nämlich auf meinen Booten unter Segeln immer obligatorisch. Ich habe keine Lust im Atlantik Passagiere oder Seeleute angeln zu müssen.

So oder so: unsere beiden Streithähne müssen sich einigen.

Bisher haben Joana und Gabby je einmal versucht aus dem Quartier zu flüchten. Aber wenn ein grinsender Dämon vor der Tür Wache hält…