Ruhe vor dem Sturm?

Ich will gar nicht darüber nachdenken, was ich alles zu tun hätte, würde ich noch am „normalen“ Leben teilnehmen. Hier heißt es chillen. In erster Linie.

Und für Eva Kakao kochen.

Natürlich muss ich mich auch hier an Bord um das normale Leben kümmern. Aber das heißt wirklich nur organisiert zu bleiben, um keine Vertragstermine zu verpassen, Bankkonten kontrollieren, Mieteinnahmen überprüfen und solche Dinge eben. Das meiste davon erledigt sogar noch meine Mutter. Easy also.

Mit Ausnahme… Mit Ausnahme der Dinge, die ich für Joana erledige. Und das heißt in erster Linie mich mit ihren Anwälten und ihrem Manager herumzuschlagen, um dafür zu sorgen, dass alles nach ihren Wünschen läuft. Was es meistens nicht tut.

Im Prinzip habe ich also meine Alltagserledigungen gegen ihre getauscht. Ich tausche lediglich 4stellige Geldsummen gegen 6-7stellige. Sie hingegen kann sich um ihre Schönheitspflege kümmern. Irgendwie auch nicht so ganz fair.

Was soll’s, ich will ja nicht klagen. Die meiste Zeit bleibt in der Tat für’s Chillen.

Momentan allerdings haben wir ein kleines Problem. Rein wettertechnisch. Die momentane relative Flaute wird sich zum Wochenende hin in einen ausgewachsenen Orkan entwickeln. Wir rechnen mit 35+ Knoten Winden, Boen bis Windstärke 10 und Brechern zwischen 4 und 9 Meter Höhe. Und das Ganze über mehrere Tage.

Nicht, dass das für uns und unseren Zweimaster nicht zu bewältigen wäre, doch man versucht so etwas lieber zu umgehen. „Abwettern“ nennt man das. Momentan können wir allerdings nur hoffen, denn zur Zeit sieht es so aus, als könnten wir dem Wetter nicht ausweichen.

Es geht das Seemansgarn, dass Cape Hope und das südliche Seegebiet von Afrika vor allem wegen der hohen Sturmtätigkeit das „Kap der Guten Hoffnung“ genannt wird.

Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie Eva die Sache nimmt. Bislang hat sie sich als ziemlich angstfrei erwiesen, doch in so ein Wetter sind wir bislang mit ihr auch noch nicht geraten.

Noch verbringen wir unsere Zeit mit den Wetterseiten und unseren meterologischen Geräten. Einen Weg das Wetter zu umgehen, zeigt sich jedoch bislang nicht. Andererseits: Die Chance auf einen plötzlichen Wetterwechsel besteht auch in diesem Seegebiet. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Ein ausgewachsener Sturm auf See ist alles andere als romantisch.

Vor allem ist so etwas Knochenarbeit. Zumindest auf der Lady Brendan. Hier ist alles ziemlich ursprünglich. Was die Seglerei angeht, ist herzlich wenig automatisiert. Hier geht so gut wie nichts auf Knopfdruck. Hier werden die Schoten von Hand gefiert und hier klettern wir bei so einem Wetter auch schon mal selbst den Mast hoch um die Segel zu reffen oder einzuholen, weil sich das Tuch irgendwo eingeklemmt hat. Alles ganz wie früher. Ein 50 Jahre altes Boot ist ein 50 Jahre altes Boot. Aber dafür wissen wir auch, das das Boot macht, was wir wollen und nicht das, was irgendwelche Computer ihm einreden.

Aber gut: Die Chance, dass der Sturm uns im Süden passiert, ist da. Und wenn nicht: Man kann ja nicht ununterbrochen nur chillen, richtig?

Der Dämon hält Wache

Ich hätte jetzt nichts gegen eine kleine Flaute.

Denn Lust an Land zu gehen, habe ich im Moment gar keine!

Bei diesem ganzen Theater rund um diesen Scheißvirus und dem ganzen Unsinn, der überall kursiert – ich bin froh, erst einmal abwarten zu können, wie die Leute an Land so drauf sind. Und wie dieser Virus so drauf ist.

Allerdings muss ich sagen, dass Ascension Island für uns wirklich nur ein kleiner Zwischenstopp ist. Wir bunkern dort alles was wir brauchen, laden entweder Joana oder Gabby oder beide ab – je nachdem wie das kleine Tänzchen in Joanas Kabine ausgeht – und sehen zu, dass wir schnellstens verschwinden. Ich glaube kaum, dass es derzeit einen Ort auf der Welt gibt, der wirklich von dem Virus verschont geblieben ist. Und sei die Insel auch noch so klein!

Andererseits…

Da wir in den vergangenen Tage gewaltig Wegstrecke (und damit Zeit) gutgemacht haben, überlegen wir bis nach St. Helena weiterzufahren. Die Vorräte reichen locker.

Dann wäre die nächste Etappe um das Kap der guten Hoffnung bis nach Reunion oder Mauritius im Indischen Ozean auf nur knapp 4.000 Seemeilen zusammengeschrumpft.

Kap der guten Hoffnung

Aber das diskutieren wir noch. Derzeit ist der Wind (true) auf 10 Knoten zurückgegangen, doch dank der günstigen Richtung machen wir immer noch mehr als 5 Knoten in der Stunde am Wind. Und der Seegang ist nicht der Rede wert. Derzeit wäre sogar Sonnenbaden drin, wenn wir keine Schwimmwesten zu tragen hätten. Die sind nämlich auf meinen Booten unter Segeln immer obligatorisch. Ich habe keine Lust im Atlantik Passagiere oder Seeleute angeln zu müssen.

So oder so: unsere beiden Streithähne müssen sich einigen.

Bisher haben Joana und Gabby je einmal versucht aus dem Quartier zu flüchten. Aber wenn ein grinsender Dämon vor der Tür Wache hält…