Dämonenliebe

Dass ich die vergangenen Tage dieses Tagebuch vernachlässigt habe, lag zum Einen daran, dass ich flugtechnisch ein wenig überlastet war, zum Anderen an meiner Dauermüdigkeit, die von einer leicht gesteigerten Tablettendosis ausgeht.

Wie auch immer, jetzt logiere ich in Havre-Saint-Pierre, Quebec, Kanada. Übermorgen (morgen eigentlich) werden wir die Grenze in die USA überqueren und uns den Zollbeamten aus Maine unterwerfen. Wie ich mich darauf freue! Nicht.

Aber ganz ehrlich: je mehr ich von Deutschland lese, desto froher bin ich, mich die nächsten Tage fast nur mit Elchen und prodemokratischen Amerikanern herumschlagen zu müssen, denn dort gibt es herzlich wenig selbsternannte Gerechtigkeitswächter. Und wenn, dann welche mit Verstand.

Aber das ist ein anderes Thema.

Nachdem ich die Diamond gecrashed und mir vor kurzem die Turbine Otter so gnadenlos entzogen wurde, hat mein Dämon die Initiative ergriffen, und mir eine Comanche gekauft. „Ich muss ein wenig langsam machen“, entschuldigt sie sich auch noch für den Billigkauf: „Doch die Restauration der Aerostar wird teurer als gedacht, und du weißt ja, dass ich immer noch auf der Suche nach einem passenden Boot bin.“

Wie süß! Ich sitze am Steuer einer traumhaften 61 Jahre alten einmotorigen Piper und bin im siebten Himmel, und sie entschuldigt sich auch noch dafür!

Versteh einer Dämonen!

Gabby hat ihrer Tochter inzwischen, wie angekündigt, verboten mit mir mitzufliegen, weil ich „Todessehnsucht“ hätte. Wie sonst solle sie sich erklären, dass ich unbedingt „mit hundert Jahre alten Seelenverkäufer“ fliegen müsse? Natürlich übertreibt sie gnadenlos. Ausserdem ist die Lycoming-Maschine der PA-24 frisch generalüberholt.

Vermutlich sind das die Einflüsse ihres Dauerstechers in New York. Egal, ich mag ihre neuen Klamotten sowieso nicht und Eva wird sie dafür hassen, dass sie mich für viele Monate nur noch per Computer und Telegram zu sehen bekommt. Ich bin gespannt, wie lange Gabby das erträgt. Sei’s drum.

Ich habe ja meinen Dämon. Wobei ich mir nicht sicher bin, womit ich so ein seelenloses – und damit offensichtlich auch selbstloses – Höllenwesen verdient habe. Mazikeen ist schon der Hammer! Joana predigt mir ständig, dass ich gar nicht wisse, was ich an meinem Dämon hätte. Doch, ich weiß das. Aber wenn man Dämonen den Eindruck vermittelt, als wären sie einem ebenbürtig, glauben sie es am Ende noch! Und das wollen wir doch nicht, oder?

Jetzt Frühstück, duschen und dann wieder ins Bett. Vielleicht erlaube ich meiner Dämonin auch noch ein kleines Gastspiel.

Bitte mit Bourbon

Hier im Norden herumzufliegen, ist das Langweiligste EVER! Das habe ich mir wahrlich anders vorgestellt.

Das Wetter ist langweilig gut, die Landschaft ist flach und trostlos und es gibt noch nicht einmal Schnee. Und von den Siedlungen hier will ich gar nicht erst anfangen! Aber, na ja, das wird sich ändern. Irgendwann machen wir den Schwenk Richtung Süden und dann geht es ganz nach unten, bis nach Mittel- und Südamerika. Darauf freue ich mich wirklich, da das ein Teil der Welt ist, den ich bislang kaum aus der Luft gesehen habe, schon gar nicht aus niedriger Flughöhe. Aber das dauert noch ein Weilchen.

Zuerst folgen vier weitere Ziele im hohen Norden: die Siedlungen Cambridge Bay, Resolute und Pond Inlet sowie das Städtchen Iqaluit, wobei Letzteres bereits deutlich südlich des Polarkreises liegt. Danach beginnen die ausgedehnten Flüge nach Süden über die endlosen Wälder von Québec/Kanada. (Nur mal nebenbei: Wer wusste, dass Kanada nach Russland das zweitgrößte Land der Erde ist? Noch vor den USA und China.)
Wenn man hier so herumfliegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es noch etwas Größeres geben soll!

Apropos „vorstellen“: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich noch ein einziges Mal in diesem Scheißflieger übernachten werde! Und ich glaube kaum, dass unsere Passagiere das anders sehen, obwohl sie es nicht zugeben. Wenn ich nicht meinen Dämon gehabt hätte, wäre ich wohl erfroren! Mazikeen Körper produziert mehr Wärme als jeder Heizkörper der Welt.
Aber ihr hättet die Gesichter der Typen sehen sollen, als wir beide nackt aus dem Schlafsack gekrochen kamen!
Trotzdem war das eine Horrornacht. Das Erste, was ich gemacht habe, war, meiner Chefin zu schreiben, dass sie sich nicht einbilden soll, dass ich jemals nochmal irgendwohin fliegen werde, wo die Hotels maximal 0,5 Sterne besitzen! Oder irgendwohin, wo es gar keine Übernachtungsmöglichkeiten außer Privatunterkünfte und Schlafsäcke gibt! Sex im Schlafsack ist bestenfalls witzig, aber keinesfalls befriedigend!

Wenigstens gibt es hier anständigen Kaffee. (Den Schuss Bourbon darin, hat mir mein Dämon leider – unter Bezugnahme auf meine unrühmliche Landung mit der Diamond – verboten.)

Nachrichten habe ich heute noch keine gelesen. Ist vermutlich auch nicht weiter wichtig, in letzter Zeit passiert, außer diversen Unglücken und Katastrophen, auch nicht wirklich viel. Jedenfalls nichts, was mich ernsthaft interessiert. Schlimm, oder? Die Welt geht mir nur noch auf die Nerven, womit ich weniger die Natur und ihre Klimakapriolen meine, sondern die Menschen. Ich bin echt froh, wenn das ganze Theater endlich vorbei ist. Das Leben meine ich. Das Leben im Allgemeinen und meines im Besonderen.

Nein, ich bin nicht selbstmordgefährdet – weit gefehlt. Ich richte es mir so ein, dass das Leben trotz aller Widrigkeiten Spaß macht. Ich bin fest davon überzeugt, dass das so gut wie jeder schaffen kann – auf die eine oder andere Weise. Aber was ist schon schlimm daran, nicht mehr hier zu sein? Wo nichts ist, ist nichts. So einfach ist das. Bis dahin richte ich es mir so bequem wie möglich ein.
Und was die Kinder und das Überleben der Menschheit angeht – warum sollte ich irgendein Interesse daran haben, dass unsere gewalttätige Spezies weiter diesen Planeten unsicher macht? Alles, was der Mensch doch produziert, ist religiöser Irrsinn, Vergewaltigung, Terror, Krieg und Zerstörung. Das was wenige „Humanisten“ an Gutem vordenken, vernichten wir dummen Massen mit unseren primitiven Instinkten auf wenig „humane“ Weise. Die Menschheit besteht aus Horden von mordenden, egoistischen und sadistischen Primitiven. Da helfen weder Philosophen, Raumstationen noch iPhones. In meinen Augen ist das Beste, was der Natur passieren kann, das Aussterben unserer fehlgeleiteten Spezies.
Und wenn ich so darüber nachdenke – mit meiner 38er in der Handtasche und dem Willen sie auch einzusetzen – bin ich kein bisschen besser. Also kommt mir einfach nicht zu nahe!

Wenn ich das so korrekturlese – vielleicht hätte ich mich durchsetzen und meinen Kaffee doch mit einem doppelten Bourbon aufwerten sollen!

… sagt der Teufel

Fass mich nicht an!

Nach ein paar Ruhetagen in Kelowna wartete eine dicke Überraschung, in Gestalt eines ziemlich aufregenden Fliegers, auf mich. Eine 66 Jahre alte DHC-3 Turbine Otter! Gemietet zwar nur, und nur für insgesamt drei Flüge – es wurden fünf daraus – aber die Überraschung meiner Schwester war perfekt! Sie erschien nämlich unangekündigt und saß plötzlich an der Bar neben mir. Typisch Anik. Die gemietete Turbine Otter war ihr kleines Mitbringsel. Ich bin vor Freude fast vom Barhocker gefallen!
Den nächsten Tag haben Anik und ich ganz alleine beim Shopping verbracht. In identischer Kleidung – die gab es gleich im ersten Laden – wie in alten Zeiten und in allerbester Stimmung. Die Firma und unsere Streits darüber, haben wir für den Moment einfach hinter uns gelassen!

Zwillingsspaß

Weiter ging es dann einen Tag darauf. Während meine Schwester die Diamond übernahm und direkt zum geplanten Rückgabeflughafen startete, kletterten Joana, Mazikeen, ein Passagier und ich in diesen herrlichen Oldtimer. Der Besitzer der Maschine war auch dabei und nahm auf dem Copiloten-Sitz Platz. Zwar habe ich ein Type Rating, eine Flugzeugmusterberechtigung, die auch die Turbinenversion der DHC-3 umfasst – ich habe keine Ahnung warum und woher – doch ich habe so eine Maschine noch nie geflogen. Glaube ich zumindest – ich scheine alt zu werden. Oder dement. Schöner Mist.

Für alle, die es wissen möchten: Eine De Havilland Canada DHC-3 ist ein altes einmotoriges Flugzeug, in diesem Fall für 7 Passagiere plus kommerzielle Fracht eingerichtet. Die Original-Sternmotoren-Flieger wurden von 1951 bis 1967 gebaut, später gab es Umbauten von diversen Drittherstellern, die statt des alten Sternmotors, moderne, leistungsstarke Pratt & Whitney PT6A-Turbinen verbauten, womit das Flugzeug nun deutlich mehr Ladung transportieren kann. So wie diese hier.

66 Jahre und kein bisschen leise

Wie auch immer. Ich war dankbar, dass der Besitzer ein Fluglehrer war, denn so konnte ich wirklich lernen, die Maschine von Grund auf zu beherrschen, was mir in Alaska helfen wird, eine Flugmusterberechtigung für die Wasserflugzeugvariante zu erwerben. Wasserflugzeug? Genau! So etwas habe ich nämlich noch nie geflogen. Es hat mich immer interessiert, doch irgendwie hat es nie gepasst. Jetzt habe ich mir fest vorgenommen, es zu probieren! Von meinem Fluglehrer habe ich bereits wertvolle Tipps bekommen und auch Adressen von Flugschulen, die er dafür wärmstens empfiehlt. Und da der Typ – abzüglich seiner sexistischen Bemerkungen – nicht nur wirklich sympathisch ist, sondern auch sein Handwerk versteht, werde ich seinen Empfehlungen wohl folgen. Er jedenfalls schwärmte von der Wasserfliegerei. Vor allem in British Columbia und „ach, eigentlich überall in Kanada“. Unnötig zu erwähnen, dass er selbst ein Wasserflugzeug besitzt (eine DHC-2 Beaver).

Ab ins Wasser!


Es ist übrigens so ein richtiger, braungebrannter Frauenheld, fährt Ski mit und ohne Wasser, besitzt ein mächtiges Snowmobil, ein kleines Segelboot, zwei Huskys, verbringt seine Urlaube auf Berggipfeln und legt gerne Pilotinnen in Shorts die Hand auf das Bein. Vorzugsweise im Landeanflug, wenn sie sich nicht wehren können. Aber wozu hat man eine Dämonin? Mazikeen hatte sich, offenbar in weiser Voraussicht, direkt hinter ihn gesetzt. Sie entledigte sich in Rekordzeit ihres Gurtes und würgte ihn so lange, bis die Sonnenbräune zur Gänze sein Gesicht verlassen hatte.
„Du kannst jetzt aufhören“, habe ich ihr dann empfohlen, während ich die letzten Landeklappen nach unten pumpte: „Der kommt erst nach der Landung wieder zu Bewusstsein.“
So war es dann auch. Ich muss aber zugeben, dass er die Sache mit Humor nahm, was ihn eigentlich noch sympathischer machte. „Hast du immer einen persönlichen Schutzengel dabei?“, lachte er später an der Hotelbar.
Beim Wörtchen „Engel“ begann mein Dämon zu knurren und Anik antwortete an meiner Stelle: „Sei froh, dass Maze da war. Tammy hätte dir nämlich nach der Landung mindestens fünf Finger gebrochen. Und zwar jeden einzeln.“
Das stimmt. Wer mich begrabscht, während ich mich nicht wehren kann, kann seine Hand für die nächsten Wochen abschreiben. In diesem Fall hätte ich ihm wohl danach auch noch den Arm gebrochen. Nur zur Sicherheit.
„Hat sich aber gelohnt. Dein Bein fühlt sich gut an. Da fragt man sich, wie das mit deinem hübschen Hintern ist.“
Immerhin hat er „hübsch“ gesagt. „Ich stehe auf scharfe Pilotinnen, sorry“, fügt er grinsend hinzu.
„Ich auch“, grinste ich zurück.
Da hat er es dann endlich kapiert: „Du bist eine Lesbe?“
„Blitzmerker.“
„Oh, sorry.“
„Warum? Habe ich jetzt keinen hübschen Arsch mehr?“
„Aber sowas von…“, lachte er. „Noch einen Tequila?“
„Solange du noch bei Bewusstsein bist…“

Es gibt einen Unterschied
zwischen Anmache und (sexueller) Gewalt

Das ist so die Sache: Ich habe kein Problem mit Anmache. Jedenfalls nicht mit verbaler. Und wenn mich einer antatscht – jedenfalls solange ich mich wehren kann – bekommt er eine Ohrfeige und das war’s. Ich habe kein Problem damit, denn „Boys will be boys“, no matter what, ob es den Terror-Feministen nun passt oder nicht. Auf der einen Seite wollen Frauen angemacht werden – von soft bis aggressiv, je nach persönlichem Geschmack – und auf der anderen Seite sollen Männer immer vorher wissen, wie es die Dame gerne hätte. „Darf ich dir mal einen Klaps auf den Arsch geben oder empfindest du das als unangebracht und sexistisch?“ DAS IST JA WOHL LÄCHERLICH! Eine Menge Weiber wollen mutiges Angraben und wollen garantiert nicht vorher vorsichtig gefragt werden, ob es denn angebracht sei. Irgendwo müssen wir einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Der Mann soll auf Signale warten? Da zerreißt es mich noch mehr. Für viele Typen sind ihre Frauen noch nach zwanzig Ehejahren ein Buch mit sieben Siegeln. Und da sollen sie am ersten Abend weibliche Signale deuten können? (Zumal zarte Hinweise, je nach aktuellem Hormonspiegel, einmal dies und einmal jenes bedeuten können.)

Wen wollen die Frauen heute eigentlich erziehen? Die Studenten, die Professoren, die Handwerker oder die Jungs vor der Trinkhalle? Und was ist mit den Frauen, die einfach keine Softies wollen?

Wie wäre es, wenn wir Frauen erst einmal lernen, RECHTZEITIG klar und deutlich „NEIN“ zu sagen?

Von mir jedenfalls, bekommen die Typen eine Ohrfeige als Antwort. Wer mir an die Titten oder unter den Rock geht, dem trete ich in die Eier oder breche ihm die Nase, und wenn mich einer beim Landeanflug begrabscht, breche ich ihm hinterher ein paar Finger. Solange Männer es beim Verbalen belassen, und damit aufhören, wenn ich es sage, dann dürfen sie mir und meiner Frau gerne noch einen Drink bestellen. Solange Frauen die Männer als Männer wollen, müssen sie auch kapieren, dass Männer nun mal Männer sind, genau wie Frauen nun mal Frauen sind. Lesbisch oder nicht.

25 mal „Nein“?

Ja, so sehe ich das. Und das vor meinem Hintergrund! Trotz meiner Geschichte. Trotz meiner Erfahrungen mit Typen. Ich habe dadurch nicht den Verstand verloren (noch nicht). Ich kann immer noch zwischen Anmache, harmlosen Männertrieben und Vergewaltigung unterscheiden. Solange Frauen sich nicht Dinge gefallen lassen, die sie nicht akzeptieren, ist alles in Ordnung. Die Grenze allerdings, bevor sie Männer vor Gericht zerren, die muss jede für sich selbst festlegen.
Ich jedenfalls kann mich alleine wehren. Wenn ich will.

Schluss mit der Gleichmacherei!

Eigentlich wollte ich heute von meinen jüngsten Flügen erzählen, doch leider geht mir jetzt die Zeit aus. Bücherschreiben, fliegen und ab und zu schlafen, gehört eben auch zu meinem Leben. Nicht nur die Eintragungen in diesen Blog. (Von Sex ganz zu schweigen.)

Der Bericht über die vergangenen Tage, muss eben bis morgen Abend warten.

Das war ernst gemeint

Die Wahrheit ist, dass ich mich längst entschieden habe, den Flug zu machen.

Gabby hat nur noch Typen im Kopf und meine Beziehung mit Joana entwickelt sich – aufgrund ihres neuen Stechers – gerade zum BFF-Verhältnis zurück. Shit happens.

Mazikeen hat bereits signalisiert, dass sie mich begleiten könnte. Sie ist ihren Jobs nie besonders treu und finanziell ist sie ohnehin nicht auf sie angewiesen. Wenn ich Maze dabeihabe, ist zumindest mein lesbisches Sozialleben gesichert. Aber der Hauptgrund ist – zugegeben – dass ich durch diesen Flug diese kleine Ratte von Zoe, zumindest nicht mehr jeden Tag, sehen muss.

Längst hat sich herausgestellt, dass der Flug vermutlich länger als nur ein paar Monate dauern wird, jedenfalls wenn Corona es zulässt. Und kein neuer Virus die Welt in ein neues Chaos stürzen wird – was gar nicht so abwegig ist, denn zumindest die ordinäre Grippe hat sich lediglich schlafen gelegt. Und in welcher Form sie gestärkt – oder neue Mutationen von ihr – nach dem SARS-COV-2-Virus zurückkommen wird, ist unklar. Und dann lauert da auch noch die H5-Gruppe, landläufig Vogelgrippe genannt; erste Fälle von Sprüngen des Virus auf den Menschen sind bereits bekannt geworden. Aber das soll jetzt nicht meine erste Sorge sein, dafür gibt es intelligentere Menschen als mich.

Ich muss mich lediglich um die Flugplanung kümmern. Die Flugplätze, die ich integrieren soll, werden immer mehr. Ja, ich bin wieder am Planen, Miranda hat diesen Flug zu einer ihrer Hauptprioritäten gemacht, und ich muss ihr Recht geben, dass die Sache unserer Firma wirklich einen enormen Boost geben wird, „zumindest wenn du fliegen wirst“.

Ja ja, ich weiß. Aber ich muss ihr definitiv noch Zugeständnisse abringen. Leider ist sie auf meine Forderung, dass sie künftig nur noch mit nackten Titten mit mir reden darf, nicht eingegangen. Tatsächlich hat sie sie meinen Vorschlag einfach ignoriert. So, als ob ich einen dummen Witz gemacht hätte, der keiner Entgegnung würdig war. Dabei war das ernst gemeint …

Ich bin seltsam – ich weiß. Aber ihre nackten, und gar nicht mal so kleinen Brüste, würden mich erstens dafür entschädigen, dass meine Chefin, wenn sie mit mir redet, selten von ihren Papieren aufblickt, und zweitens kann ich mir vorstellen, dass die Teile, wenn sie in ihre Arbeit vertieft ist, ganz herrlich über dem Schreibtisch baumeln: Ich liebe es, wenn Titten irgendwo herunterhängen und ab und zu ein wenig wackeln. Ernsthaft!

Aber wer steht nicht darauf?

Wie gesagt: sie ignoriert es. Aber wie lange wird sie das noch? Sie ist nämlich inzwischen wirklich davon überzeugt, dass es wichtig ist, dass ich den Flug mache und niemand sonst. Und ich habe den Eindruck, dass sie die ganze Sache zu den Akten legen wird, wenn ich ablehne. Sie ist wirklich selbst schuld, dass sie sich in eine so schlechte Verhandlungsposition manövriert hat. (Was mich dann doch ein wenig nachdenklich macht, denn ansonsten ist sie wirklich ein Genie in diesen Dingen. Eigentlich blufft sie die Leute so lange, bis sie einlenken. Sie muss eine hervorragende Pokerspielerin sein.) Wie dem auch sei – irgendetwas werde ich ihr schon abringen. Wobei mein Fokus nach wie vor auf ihren Titten liegt.

Eigentlich hatten wir geplant, den Flug in der EU – genauer gesagt in Norwegen – zu beginnen. Das hätte zwar eine langwierige Atlantiküberquerung* bedeutet, doch Europa ist unser Zukunftsmarkt. Wenn sich jedoch die Coronalage in Europa nicht in absehbarer Zeit ändert, werden wir uns vermutlich zuerst einmal auf Nordamerika konzentrieren, denn hier haben wir wenigstens so gut wie keine Grenze, die uns ständige Tests oder sogar Quarantänen auferlegen würde. Der Sprung über den Atlantik käme dann erst nach einigen Monaten. Falls die Europäer das jemals in den Griff bekommen … Manchmal bekommt man nämlich den Eindruck, als hätte sich die EU – allen voran Deutschland – Länder wie Brasilien zum Vorbild gemacht. Na ja, wir werden sehen.

Jetzt muss ich also noch herausfinden, wie ich an Mirandas Möpse komme, damit es losgehen kann. Das kann doch nicht so schwer sein, verdammt!

Zeig her deine Möpse …

* Meine Diamond schafft das nicht auf einen Rutsch. Ich hätte einige Zwischenlandungen in den Staaten machen müssen, danach einen Stopp in Kanada, bevor ich den Sprung ins ewige Eis hätte machen können. Von Grönland schließlich, wäre es über Island nach Norwegen gegangen. Das ist schon eine enorme Aufgabe.

Appelle-moi

Vancouver International Airport, gelegen auf der Insel Sea Island, hat als größter Flughafen von British Columbia und zweitgrößter von Kanada, trotz der aktuellen Viruslage, offenbar immer noch einigermaßen Betrieb. Vor allem im Cargo- und im privaten Bereich. Diesmal musste ich sogar einmal durchstarten und in eine Warteschleife über der Strait Of Georgia gehen.

Vancouver

Anders als ich es in den Staaten erlebe, scheinen die Menschen sich hier der Virengefahr durchaus bewusster zu sein. Wo ich auch auf dem Flughafen hinschaue – ich kann natürlich nur vom Cargobereich sprechen – halten sich die Leute mehr oder weniger an die Vorschriften, bzw. die Empfehlungen. Kanada eben.

Ich habe mich – todmüde – direkt in einen Business-Class-Sitz begeben und bin eingeschlafen. Auf der Stelle. Krass!

Mein Co hat sich um alles gekümmert. Unsere Leute sind schon ziemlich gut, was vermutlich daran liegt, dass wir sie anständig bezahlen und behandeln.

Die Maschine wird heute gewaltig mit Medikamenten zugeknallt – ich wusste gar nicht, dass Pillen so viel wiegen! Na gut, ein paar Leute haben wir auch eingesammelt. Was uns zum Tankstopp in Redding zwingt, weil der Weg nach Palm Springs für unsere brave Q400 dann doch ein bisschen weit ist. Ein regionaler Airliner wie die Dash8 ist eben doch keine 737. Morgen geht es dann weiter nach Houston, weil die Texaner offensichtlich die sind, die am meisten Bedarf an billiger Medizin haben. Vermutlich weil sie sich vehement gegen staatliche Krankenversorgung wehren… Versteh‘ einer die Amis…

Aber was ich eigentlich sagen wollte – ich weiß auch nicht, warum ich das ganze Drumherum schreibe – ich mag kanadische Weiber. Ich mag den Dialekt und da sie nicht nur von Briten sondern auch von Franzosen abstammen, ist der Großteil gar nicht mal so hässlich. Und die Freiwilligen, die hier die Medikamente bringen, sind scheinbar sexuell auch ziemlich aufgeschlossen. Wie soll ich mir sonst erklären, dass ich beim Aufwachen ein schickes Passfoto mit einer Telefonnummer und „Appelle-moi“ auf meiner Armlehnenablage gefunden habe. Ich habe es dann meinem FO gezeigt und der meinte, es sei eine von den Studentinnen gewesen, die die Kisten geschleppt haben.

Sagte ich schon, dass ich Kanadier mag?

Call me

Howdie!

Zuviel zu tun.

Jedenfalls zuviel von dem, was man just in diesem Moment gerade nicht tun möchte. Wer kennt das nicht?

Klar fliege ich gerne. Es macht auch nicht weniger Spaß. Es ist nur – zuviel. Jedenfalls für den Moment.

Eigentlich möchte ich mich viel intensiver mit dem Problem beschäftigen, das ich gerade mit Joana und Gabby habe. Noch viel lieber würde ich mit Mazikeen herumreisen und mir Boote anschauen und Planungen für eine Pandemie- und USA-freie Zukunft/Gegenwart machen.

Geht nicht.

Weil ich ja mithelfen muss, Mensch und Land am Leben zu erhalten.

Schon doof.

Aber nicht mehr lange, das kann ich versprechen. Vielleicht noch über Weihnachten und Sylvester, dann ist Schluß, behaupte ich vor mir selbst.

Texas ist übrigens genauso grässlich wie immer. Das tolle Bild, dass man so oft von Houston, Dallas und den blühenden Wüstenoasen mit Kleinstadtflair im Fernsehen zeichnet, ist genauso falsch wie Trumps Presseverlautbarungen.

„Howdie!“ Wenn ich das schon höre! Dabei denkt man an endlose glückliche Rinderherden auf endlose grüne Weiden, stattdessen vegetieren die traumatisierten Viecher in den Miniboxen der hochtechnisierten Fleisch- und Milchproduktionsfabriken vor sich hin. Kein grünes Gras vohin das Auge blickt. Stattdessen leben die obdachlosen Texaner in endlosen Zeltstädten am Rand der verdreckten und zugemüllten Landstraßen. Oder, die Glücklicheren, in verrotteten Caravansiedlungen am Rand der endlosen Wüstenweiten. „Howdie!“

(Aber gegen soziale Gesundheitssysteme sind sie alle. Sowas hält zwar gesund, doch scheint wehzutun. Motto: Krank aber stolz. Ausserdem spenden ja die Kanadier ihre überflüssigen Medikamente.)

Überhaupt ist das ein tolles System: US-amerikanische Pharmaunternehmen lassen billige Medizin in Mexiko produzieren, verkaufen sie teuer nach Kanada, von wo aus sie billig an die Armen der Vereinigten Staaten verkauft werden. Damit profitiert jeder. Interessantes, virenresistentes Geschäftsmodell.

Howdie.

Wüstengruft

Gestern ist irgendwie gar nichts passiert.

Palm Springs im Winter ist zwar erträglicher als sonst, aber kein bisschen aufregender als im Sommer.

Es trauen sich mehr Rentner auf die Straße. Was immer man von dem Geklapper der Stöcke und dem Rattern der Rollatoren halten mag. Vor dem Virus kam man sich hier in den Cafés wie auf einer Palliativstation vor.

Am Samstag hatte wir 25 Grad. Im Schatten, wohlgemerkt. Und da es Wolken in der Wüste ziemlich selten gibt, kann man die Höchsttemperaturen hier getrost verdoppeln.

Alles weitere Gründe um hier zu verschwinden. Ich schätze, man muss sein halbes Leben in Bel Air gewohnt haben, damit man diese Wüstengruft ertragen kann.

Ich finde, es ist ein Muss, dass es wenigstens ein paar Monate im Jahr kalt ist. Sonst bekommt man doch den Eindruck, dass jemand das Wetter abgeschafft hat, damit Trump beim Golfspielen nicht friert. Und sind wir ehrlich: Es reicht doch, wenn wir im Winter unsere Wohnungen gnadenlos überheizen, damit wir im Wohnzimmer gemütlich ficken können.

Momentan tendiere ich doch wieder zu Europa. Ich glaube dafür, dass es an der nordwestlichen Küste von Nordamerika nur die Fjorde von Kanada und Alaska gibt, lohnt sich der Pazik mit seinen unendlich vielen, viel zu heißen Atolls nicht. Zumal man ewig braucht, um die zu erreichen. Und Asien brauche ich ganz sicher nicht. Und Australien und Co mit ihren viel zu giftigen und viel zu gefräßigen seltsamen Tieren auch nicht. Mir reichen ja schon die Schlangen, Schakale und Geier von Palms Springs.

Norwegen wäre dann wieder meine Wahl, vielleicht auch die schwedischen Berge. Schweden hätte den Vorteil, dass man dort mit Englisch weiter kommt als im Land der Fjorde. Und dass mir dann Daddy nicht ewig auf den Keks gehen würde, dass ich doch wieder zu ihm ziehen soll.

Oder ich wohne einfach nirgends und bleibe auf dem Boot. Wobei Gabby das ganz sicher nicht gefällt. Sie braucht eine Basis, meint sie. Und Joana will in Nordamerika bleiben. Und Mazikeen sagt, sie braucht Wasser vor der Tür.

Und ich will alles.

HILFE!

Gibt es denn niemanden, der mir – ganz uneigennützig – raten kann?

Ich will ins Kalte!

Gabby hat uns versprochen, sich nicht unwesentlich an einer Moody 54 zu beteiligen. Natürlich hat sie ein paar Bedingungen, was durchaus verständlich ist, wenn es um solche Summen geht.

Genau wie ich, will sie allerdings in die Kälte, was bedeutet, dass Sardinien schon mal raus ist. Godland, die Ostseeinsel, hält sie für Zeitverschwendung. („Was sollen wir denn dort?“) Ich kann das schon verstehen, denn das Meer ist wirklich weder Fisch noch Fleisch. Es ist kalt, aber nicht richtig, es ist wild, aber nicht richtig und das Wetter ist meistens auch zum Kotzen. Plus: Das Kattegat habe ich auch schon zwei Mal durchsegelt.

Bleiben Norwegen und Kanada – British Columbia, um genau zu sein – im Rennen. Geographisch gesehen, geben sich die Nordküste von Norwegen und die Westküste Kanadas und Alaskas nicht viel. Island und Grönland reizen mich zwar, doch dann? Zumal ich Island von See her bereits kenne. Grönland selbst ist – seien wir ehrlich – nicht so reizvoll, wie es immer in den Dokumentarfilmen aussieht. Segelt man die Südküste entlang, wird es auf Dauer ziemlich langweilig. Natürlich ist es von dort ein kleiner Sprung nach Neufundland, zum Laurencegolf um dann die US-Ostküste über Maine und Massachusetts nach New York City zu segeln. Aber: alles schon gemacht. Außerdem sind das schon wieder die Staaten. Bermuda ist ganz nett, die Bahamas auch, doch – irgendwie ist das alles altbekannt. Ich bin viel rumgekommen, stelle ich fest.

Bleibt British Columbia und damit das Haus in Squamish.

Die Küste hoch durch die Beringstraße, Alaska umrunden und ein wenig in der Arctic mit Seehunden spielen. Dann kann man sich entscheiden, ob man Japan mal sehen möchte, oder doch lieber in den offenen Pazifik abdreht und die Atolle besucht. Außerdem bleibt im Sommer immer noch die Möglichkeit an der russischen Küste entlang bis nach Norwegen zu segeln.

Das ist es, was Joana sich wünscht: dass wir uns in Squamish ansiedeln. Ich gebe zu, es war ja sowieso schon vor einer Weile meine erste Wahl gewesen. Außerdem macht alleine schon das Segeln in der Georgia Strait und rund um Orcas Island Spaß. Und meine Flieger dorthin zu überführen ist auch kein Ding. Auch die Küstengebirge, die Fjorde und Inseln an der Pazifikküste von British Columbia liegen nur wenige Tagesreisen nach Norden.

Der internationale Flughafen von Vancouver ist gerade mal eine Stunde Autofahrt entfernt, was Gabby und Joana in ihren Jobs entgegenkommt. In Norwegen gestaltet sich das alles schwieriger. Ich selbst kann von dem kleinen, privaten Airport von Squamish aus starten.

Plus: Die Moody liegt derzeit in einer kleinen Marina in Washington, also nur einen Katzensprung entfernt.

Anik würde Squamish als unser neues Domizil natürlich ebenfalls gefallen, denn so „könntest du ja vielleicht hin und wieder aushelfen“. Aber nicht, wenn wir auf große Tour in die Arctic gehen, liebste Schwester.

Was Gabby außerdem verlangt, ist die owner cabin, die größte Kabine, mit mir zu teilen. Etwas das ich ihr nicht geben kann und werde: Wenn Joana an Bord ist, ist sie diejenige, die bei mir schläft. Und zwar in der Eignerkabine. Gabby ist meine Nummer Zwei und das wird sie nicht dadurch ändern, dass sie sich die Kosten des Bootes mit mir – bzw. mit Mazikeen – teilt. Das ist ein Knackpunkt.

Wir werden sehen. Auf jeden Fall stehen eine Menge Diskussionen aus.

Aber ich möchte hier weg. Diese Rotmützen auf den Straßen gefallen mir nicht. Ich möchte einfach meine Ruhe haben. Und Bücher schreiben.

Für Boote muss ich mich nicht ausziehen

Schlaf gibt es erst morgen Früh.

Die Ereignisse überschlagen sich hier. Während Trump versucht die einzelnen Regierungen der republikanischen swing states zu erpressen, damit sie im Dezember republikanische Wahlmänner statt der vorgeschriebenen demokratischen nach Washington schicken, tanzt hier in Südkalifornien ein ganz anderer Bär: „Nächtliche Ausgangssperre“ heißt er und stört meine Kreise!

Das reicht dann jetzt mal!

Ich muss mir keine Trumpers mehr antun, die die ganzen USA mit Covid-19 anstecken; ich muss mir Trump selbst nicht mehr antun und schon erst recht keine nächtliche Ausgangssperre wegen diesen Arschlöchern!

Gesund zu bleiben ist hier ein verdammtes Glücksspiel.

Mazikeen und ich fliegen morgen nach Florida, um dort Gabby und Eva zu treffen, damit wir gemeinsam besprechen können, wie es weitergeht. Denn ich habe nicht mehr vor, hierzubleiben. Was zuviel ist, ist zuviel! Natürlich ist mein Dämon an meiner Seite und ich bin schon ein klein wenig verwundert, dass auch Gabby dabei ist. Meine beste Freundin Joana hingegen, bleibt – vorerst – in Palm Springs. Ich nehme aber an, dass sie sich eher in ihre Villa in Bel Air zurückziehen wird. (Wobei ich ziemlich sicher bin, dass sie so oft sie kann, zu Besuch kommt.)

Warum Florida?

Mazikeen hat von einer Freundin einen Katamaran ausgeliehen (Ich und ein Katamaran! Yuck!), mit dem wir erst einmal die Keys entlangsegeln werden, weil mein Dämon in Key West ein Boot gefunden hat, das sie uns zeigen möchte. Ich möchte jedoch bezweifeln, dass es etwas für uns ist. Wir werden sehen.

Nach wie vor stehen immer noch Kanada, Norwegen, Sardinien und Gotland als neue Heimat zur Auswahl. Allerdings hängt es wohl auch ein wenig davon ab, wo wir das passende Boot finden können. Eine Hallberg-Rassy wird es wohl auch diesmal nicht werden; ich denke eher in die Richtung einer Decksalon Segelyacht. Neuere Modelle dieses Bootstyps sind allerdings eher schwierig zu finden. Warum Decksalon? Weil es Winter wird und ich keine Lust habe, dass mir Eiszapfen von den Wimpern hängen, weil ich die ganze Zeit auf Achtern an einem Ruder im Freien stehen muss.

Meine Schwester ist natürlich stinksauer. I fucking don’t care! Natürlich muss sie in den Staaten bleiben, denn als CEO kann sie die Firma nicht einfach verlassen. Ich schon. Ich fliege ja nur ihre Flugzeuge.

Trotzdem schickt sie mir einen kleinen Jet, der uns nach Fort Myers bringen wird. Natürlich will sie nicht, dass ich mich in einem Airliner anstecke. Danke dafür, Schwesterchen. In einer Embraer 300 kann man ganz bequem schlafen (und Sonstiges machen natürlich auch). Ohne Betten zwar, aber auf ultragemütlichen Sitzen. Außerdem schafft die Maschine es ohne Zwischenstopp nach Florida.

Um das noch einmal klarzustellen: Ich flüchte weder vor Ausgangssperren, dem Virus selbst und schon gar nicht vor den Bekloppten. Bewaffnet bin ich selbst.

Ich muss mir das nur alles nicht mehr antun! Warum sollte ich auch? Ich kann auch anders und das nutze ich. Vor allem wenn mein Dämon ein Boot kauft und ich nur die Unterhaltskosten zahlen muss. „Ich weiß zwar noch nicht, wie ich das mache“, sagt sie: „Doch mir wird schon etwas einfallen.“ Gute Einstellung. Aber nachdem Gabby jetzt ebenfalls mit von der Partie ist, muss sie sich vermutlich gar nicht mehr viel einfallen lassen.

Am liebsten wäre mir nach wie vor Kanada. Leider ist man dort von den Staaten eingekreist und irgendwie habe ich auch nicht wirklich auf die endlosen Weiten des Pazifik Lust. Weiter draußen wird es zwar schön warm, aber auch wochenlang ganz schön langweilig. Wenn einem nicht gerade ein Typhoon versenkt. Außerdem will ich ja in die Kälte. Oberhalb von Seattle kommt allerdings leider nicht mehr viel Kanada, sondern ganz schnell Trump-Country Alaska.

Mein Vater sagt, so traumhafte Landschaften wie in Squamish/Kanada, gäbe es in Norwegen an jeder Ecke. Auch die Sache mit der Demokratie, den vielen Elektroautos und dem Nicht-Populismus, spricht eindeutig für die Fjorde im Norden Europas. Außerdem gibt es dort nicht so viele Menschen. Nicht nur im Covid-Zeitalter ein Vorteil. Und die USA mit Trump, den Verschwörungsfanatikern und den Atomraketen sind ein paar tausend Meilen entfernt.

Letztlich kommt wohl alles auf das Boot an. Ist wie Würfeln. Nur muss ich mich für die Bootssache nicht nach und nach ausziehen. Für’s Würfeln in der Regel schon.

Mit meinem Spieleglück ist es nicht so weit her.

Schluss mit Arbeit. Ab in den Dauerurlaub!

Weg hier – aber wohin?

Ich gebe mir selbst und den Vereinigten Staaten noch bis Jahresende, dann verschwinde ich von hier, falls sich die Dinge nicht grundlegend ändern – ich muss mir das alles nicht noch länger antun.

Das habe ich heute auch meiner Schwester mitgeteilt, die an der Ostküste, in der Nähe von Providence, lebt. Was ihr natürlich überhaupt nicht passt. Aber ich bin es ja gewohnt, mich mit ihr anzulegen. Sie versteht einfach nicht, dass es mich nie lange an einem Ort hält. Dabei will ich doch einfach nur meine Ruhe haben. Und nicht, wohin ich komme, Rotmützen oder sonstige Rassisten sehen muss. Ist das zuviel verlangt und wirklich so schwer zu kapieren?

Es wird übrigens ganz sicher die nächsten Jahre mit diesen hirnamputierten religiösen Fanatikern und Waffennarren so weitergehen. Und darauf habe ich wirklich keinen Bock.

Die logischen Alternativen wären Europa und Kanada. Letzteres hätte den Vorteil, dass Joana und Gabby ganz sicher nichts dagegen hätten – wenn auch murrend – mit mir zu kommen. (Zumindest bei Joana weiß ich das genau.)

Parry Sound an den großen Seen wäre eine tolle Sache. Die Gegend kenne ich, weil hier unsere erste Firma für eine Weile ein Headquarter hatte. Es ist phantastisch dort. Und es ist Kanada. Nichts mehr mit Rotmützen. Da wäre ich dann auch nicht weit von Toronto entfernt – weniger als eine Stunde – und bis zu den großen Städten an der Ostküste wären es auch nur drei. Und segeln auf den großen Seen macht einen Riesenspaß und groß bedeutet „groß“! Um nach Chicago zu kommen, braucht man auf einer Segelyacht 4-5 Tage! Weiterer Vorteil gegenüber der Wüste: Heiße Sommer aber ziemlich kalte Winter. Schnee an Weihnachten. Hach…

Noch besser: Ich könnte weiter für unsere Firma fliegen und auch meine beiden Flugzeuge behalten: Sie von Palm Springs an die Seen zu überführen ist keine große Sache. Macht eher Spaß.

Mazikeen hat mir ein tolles Angebot aus Squamish/Kanada, eine Viertelstunde Flugzeit von Vancouver entfernt, geschickt. Ein tolles Haus mit großem Grundstück, am Ende eines Fjords mit freiem Zugang zum Pazifik. Außerdem ist Mazikeens Haus (Oder soll ich Anwesen sagen?) gerade mal eine halbe Stunde entfernt. (Aber in den USA.) Maze würde es lieben, wenn ich dorthin ziehen würde. Ich wäre am Fuß der Rocky Mountains und könnte auch hier meine Flugzeuge behalten.

Was nicht für Europa gilt, denn über den Atlantik kommen meine beiden Flieger nicht. Jedenfalls nicht ohne Riesenaufwand. Meine Texan müsste ich verkaufen (noch eine Schiffsüberführung kann ich mir nicht leisten) und vermutlich wäre es auch das Beste, meine Bonanza loszuwerden und in Europa eine neue (gebrauchte) zu kaufen, statt einen aufwendigen Flug über den gesamten nordamerikanischen Kontinent, Grönland und Island zu wagen.

Für Europa spricht, dass es mein Zuhause ist. Als britische und deutsche Staatsbürgerin stehen mir enorme Möglichkeiten offen. Hauptmanko: Ich müsste über kurz oder lang, einen Job finden. Piloten sind ja derzeit nicht besonders gefragt. Nicht ganz so einfach, selbst als senior pilot, fürchte ich. Unsere Firma ist ja nur in Nordamerika aktiv.

Außerdem: WOHIN in Europa?

Mein Vater hat mich eingeladen. Aber wieder in dem Haus auf seinem Grundstück in Notodden leben? Außerdem: Ich brauche Wasser um mich herum. Ich will segeln. Hier sind wir wenigstens jedes Wochenende auf Santa Catalina Island und damit am Pazifik.

Die Insel Gotland in der Ostsee wäre eine Möglichkeit. Da stehen ganz nette Grundstücke und Häuser zum Verkauf. Aber Ostsee? Kalt? Und vor allem ist Gotland weitab von irgendwelchen Fluggesellschaften.

Auf Sardinien habe ich auch ein paar hübsche Dinge gefunden. Weniger als eine Stunde nach Rom. Aber Mittelmeer? Heutzutage? Außerdem kann ich kein Italienisch und englischsprechende Römer versteht kein Mensch.

Dann wäre da noch Spanien. Ich liebe nicht nur die Sprache, sondern kann sie auch ein wenig radebrechen. Häuser? Es gibt tolle Gelegenheiten – nur leider nicht an den Küsten, denn die sind mittlerweile eine Katastrophe.

Die UK kommt nicht in Frage: Ich lebe nicht in einem Brexitland. Dort fliegen wäre allerdings toll, denn ich vermisse England und die Lebensweise dort. Alles was ich nicht vermisse sind Brexiteers.

Deutschland? Never! EVER! Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Aber das überzeugendste Argument gegen Europa ist, dass ich meine Mädels einen Großteil vom Jahr nicht zu sehen bekommen würde. Trotzdem will ich es nicht ganz ausschließen.

Alles, was (mal wieder) bleibt, ist Kanada. Es sei denn, mir fällt noch was Schlaues ein.

Abwarten.

Squamish, Canada

Businesswoman

Anik ist in Edmonton. Natürlich. Mit Kritik kann sie zwar umgehen, wird aber in der Regel gleich hyperaktiv.

Ob ich mal schnell rüberkommen könnte… Sie ist mir ja schon sooooo lange nicht mehr auf die Nerven gegangen! Grrrr…

Ich konnte. Rüberkommen. High River ist nicht allzu weit weg und meine Bonanza ist ja ganz flott.

Als ich sie frage, wie sie denn so schnell eine Alternative gefunden hätte, antwortet sie mit: „Ich bin gut, falls du dich erinnerst.“

Ich erinnere mich nicht, weiß aber, dass sie Edmonton International schon lange als Alternative in der Tasche hatte. Es war vermutlich zu teuer.

„Und das ist Miranda.“

Ach ja, mein „Boss“.

„Miranda – Tamara.“

Aha. Sie stellt mich mit meinem ungekürzten Namen vor. Sind wir heute aber geschäftlich.

Miranda… Scheiße, die Tussi ist ja megaheiß! Typ große Blondine im Businessanzug.

Miranda Cox, der CEO meiner höchsteigenen Airline, nickt: „Schön, dich kennenzulernen, Tamara.“

Ich bin noch etwas sprachlos vom Anblick.

„Tammy?“ Anik schubst mich.

Ach ja: antworten.

„Du bist nicht zufällig lesbisch?“, frage ich und Anik haut mir auf den Oberarm.

„Au!“

„Du bist wirklich unmöglich, Tammy.“

Ich zucke mit den Schultern: „Frau will doch wissen, woran sie ist.“

Miranda Cox lächelt jovial: „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“

Solltest du aber, denke ich und nicke: „Vielleicht können wir ja mal gemeinsam drüber nachdenken.“

Anik schüttelt den Kopf: „Können wir mal zur Sache kommen?“, fragt sie.

„Sind wir das nicht bereits?“

„Du hast nicht zuviel versprochen“, nickt Miranda meiner Schwester zu.

Verräterin!

Edmonton, Kanada

Kanadisch-Nett

Kaum jemand kann mich so auf die Palme bringen wie meine Schwester. Wer hätte das gedacht…

Sie tut immer so als wäre sie so clever und intelligent, doch in Wirklichkeit sind viele ihrer erfolgreichen Ideen und Strategien pures Glück. Diesmal ging es schief: Eine der dümmsten Ideen, die sie in den vergangenen Jahren hatte war, ein Lager im High River Airport anzulegen!

Nicht nur, dass ich alle Mühe hatte, überhaupt den Runway zu finden – noch dazu ist das hier eher ein Feldweg als eine brauchbare Piste. Da hilft es auch nicht, dass die Leute hier kanadisch-nett sind: Dieser Airport ist eine Katastrophe waiting to happen!

„Und genau deswegen brauchen wir dich!“, sagt sie.

KOTZ!

Ich rufe jetzt Joana an. Ich brauche Zoom-Sex.

Meds ohne Grenzen

Mazikeen sagt, sie hätte eine Überraschung für mich.

Ich mag keine Überraschungen, jedenfalls nicht, wenn man mir nicht sagt, was es ist.

Unterdessen hat mich Anik gebeten, in Squamish „vorbei zu schauen“, die hätten dort eine Ladung Medikamente, die ich mitbringen könnte.

Vorbei zu schauen ist gut… Squamish ist erstens in Kanada (nur ein paar Meilen entfernt, zugegeben) und zweitens: SCHAUT DIE EIGENTLICH KEINE WETTERBERICHTE? Seufz…

So läuft das? So klein ist diese verdammte Charity, dass es sich lohnt, Meds mit einer kleinen viersitzigen Propellermaschine einzusammeln?

„Du könntest gleich mal sehen, wie das funktioniert.“

„Medizin? Meds und Zoll? Willst du mich loswerden?“

Doch Anik versichert mir, dass alle Papiere in Ordnung sind… Na ja…

Dann eben rüber nach Kanada.

„Wir bekommen Einiges aus Kanada. Die Meds sind dort tausendmal billiger, die Leute sind freundlich und spenden gerne. Und seit Trump kann sich hier doch keiner mehr Medikamente leisten.“

Jaja… Ich fliege ja schon. Wenn es das Wetter zulässt.

„Bitte auch wenn es das Wetter nicht zulässt… Wir brauchen das Zeug!“

So soll das laufen? Ich hab geahnt, dass die Sache einen Haken hat!

Meinen vorsichtigen Einwurf, dass ich erst im Oktober anfange, lässt meine Schwester nicht gelten: „Und bis dahin sollen die Leute vor die Hunde gehen?“

Ich kann meine Schwester nicht leiden.

Das Turmdings in Paris

Ich finde, das, was zum Tequila dazugehört, immer noch am Besten.

Vor allem, weil sich dann auch gleich die Möpse verdoppeln.

Maze sagt, ich hätte Joana nochmal angerufen und ihr vorgeschlagen, sich eine Pauschalreise zu buchen, wenn ihr unser Boot nicht passt. Die Türkei wäre noch ganz akzeptabel um die Jahreszeit.

Sowas soll ich gesagt haben?

N. I. E. M. A. L. S!

Erstens ist die Türkei zu keiner Zeit akzeptabel, noch nicht mal betrunken und zweitens ist Joana Amerikanerin und wüsste nicht, was die Türkei eigentlich ist.

Wahrscheinlich würde sie ihre Kosmetikerin fragen, ob das wohl Türkei/Alabama oder Türkei/Montana sei.

Für die Amis gibt es nämlich nur  die USA (inklusive dem Bundesstaat Kanada), den Mond und seit Trump auch noch Mexiko hinter der Mauer und den Zwergstaat China zwei Meilen westlich von Apple.

Der Rest ist – well, Saudi Arabien mit dem Öl und den Kamelen, mit dieser Terror-Provinz Iran mit Mister Ferdogan und seiner Frau Putin. So hieß die doch, oder? Die, die immer die Raketen in diesen Gala-Streifen schießt?

Und Neuschwanstein direkt an dem Turmdings in Paris, wer kennt das nicht, right? Da gibts Schnitzel! Mmh!

Neuschwanstein, direkt an dem Turmdings

Berlin? Was ist Berlin? Wohnt da nicht dieser Hitler?

Anyway…

Maze sagt, Joana hätte mich „Fuckyou“ genannt. Das Thema sollten wir weiterverfolgen.