Kann man ohne Seele lieben?

1.3N, kurz vor dem Äquator. Das Wetter passt dazu: 28° im Schatten. Etwa 90° in der Sonne.

Der Wind steht inzwischen ungünstig.

Trotzdem planen wir im Moment die 2.200 Seemeilen doch noch auf uns zu nehmen und bis St. Helena weiterzusegeln. Die Vorräte lassen das problemlos zu, da wir bedeutend schneller unterwegs waren als gedacht.

Das ist aber weiterhin abhängig von den Windverhältnissen. In den kommenden Tagen haben wir immer noch die Möglichkeit weiter nördlich zu unserem ursprünglichen Ziel zu segeln.

Ansonsten – wir, Mazikeen und ich, sitzen inzwischen wieder im Salon und warten darauf, dass Gabby und Joana endlich aus ihrer Kabine kommen.

Eigentlich ist ein gutes Zeichen, dass die beiden jetzt schon mindestens zwei Stunden verschwunden sind. Das lässt auf eine lebhafte Diskussion schließen. Andererseits stellt sich die Frage, ob die beiden noch am Leben sind. Oder zumindest eine von beiden.

„Nein“, sagt Mazikeen: „Wir werden nicht stören. Und mit ‚wir‘ meine ich auch dich. Insbesondere dich!“

Manchmal finde ich, dafür, dass sie mein Dämon ist und nicht umgekehrt, hat sie einfach zu viel zu sagen!

„Und du weißt wirklich nicht, wieso du mein Dämon geworden bist?“ Die Frage stelle ich Mazikeen eigentlich regelmäßig.

Und genauso regelmäßig bekomme ich zu hören, dass, hätte sie es gewusst, sie sich im hintersten Winkel der Hölle versteckt hätte.

Ha.Ha.

Wie witzig…

„Und wieso sagst du dann, dass du mich liebst?“ Diese Frage lässt sie manchmal stocken.

Diesmal nicht: „Weil man dich dann besser unter Kontrolle hat.“

Nochmal: Ha.Ha.

„Kann man eigentlich ohne Seele lieben?“

„Geh und mach dir einen Baldriantee. Das beruhigt.“

Manchmal ist sie echt unmöglich! Ich kann Dämonen nicht leiden!

Der Dämon hält Wache

Ich hätte jetzt nichts gegen eine kleine Flaute.

Denn Lust an Land zu gehen, habe ich im Moment gar keine!

Bei diesem ganzen Theater rund um diesen Scheißvirus und dem ganzen Unsinn, der überall kursiert – ich bin froh, erst einmal abwarten zu können, wie die Leute an Land so drauf sind. Und wie dieser Virus so drauf ist.

Allerdings muss ich sagen, dass Ascension Island für uns wirklich nur ein kleiner Zwischenstopp ist. Wir bunkern dort alles was wir brauchen, laden entweder Joana oder Gabby oder beide ab – je nachdem wie das kleine Tänzchen in Joanas Kabine ausgeht – und sehen zu, dass wir schnellstens verschwinden. Ich glaube kaum, dass es derzeit einen Ort auf der Welt gibt, der wirklich von dem Virus verschont geblieben ist. Und sei die Insel auch noch so klein!

Andererseits…

Da wir in den vergangenen Tage gewaltig Wegstrecke (und damit Zeit) gutgemacht haben, überlegen wir bis nach St. Helena weiterzufahren. Die Vorräte reichen locker.

Dann wäre die nächste Etappe um das Kap der guten Hoffnung bis nach Reunion oder Mauritius im Indischen Ozean auf nur knapp 4.000 Seemeilen zusammengeschrumpft.

Kap der guten Hoffnung

Aber das diskutieren wir noch. Derzeit ist der Wind (true) auf 10 Knoten zurückgegangen, doch dank der günstigen Richtung machen wir immer noch mehr als 5 Knoten in der Stunde am Wind. Und der Seegang ist nicht der Rede wert. Derzeit wäre sogar Sonnenbaden drin, wenn wir keine Schwimmwesten zu tragen hätten. Die sind nämlich auf meinen Booten unter Segeln immer obligatorisch. Ich habe keine Lust im Atlantik Passagiere oder Seeleute angeln zu müssen.

So oder so: unsere beiden Streithähne müssen sich einigen.

Bisher haben Joana und Gabby je einmal versucht aus dem Quartier zu flüchten. Aber wenn ein grinsender Dämon vor der Tür Wache hält…

Kinder wollen Wahrheit

Ja, ich kann es nicht ausstehen.

Ich kann es nicht ausstehen, dass Kinder mich lieben. Das ist unnatürlich! Ich kann sie nicht leiden und sie lieben mich! Ich meine – was soll das?

Ich weiß ja, Kinder sind doof, aber so doof? Merken die das nicht? Ich versuche ja wirklich alles. Außer ihnen zu sagen, wie blöd sie sind oder dass ich sie nicht ausstehen kann. Das geht natürlich nicht. Ich habe nicht vor ihnen irgendwelche Komplexe fürs Leben unterzujubeln.

Aber ich gehe hin und sage ihnen die Wahrheit. Über den Rest. Das sollte doch eigentlich reichen, oder?

Okay, okay, Kinder wollen die Wahrheit hören, werden jetzt alle kreischen. Aber warum sagt sie ihnen dann niemand? Warum muss erst ich kommen und den Mund aufmachen? Warum können das die verdammten Eltern nicht? Dann würden sie vielleicht die lieben statt mich?

Okay, Eva liebt natürlich auch ihre Mutter, doch für den Kakao kommt sie zu mir. Sie WECKT mich für diesen Scheiß-Pappkram! Auch wenn ich ihr schon hundertmal gesagt habe, sie soll verschwinden! Das Biest ist hartnäckig. Grässlich!

Gabby gefällt das natürlich. Dass sie nachts keinen Kakao machen muss. Was ihr weniger gefällt ist, dass Kakaofresse jetzt wegen jedem Scheiß zu mir gedackelt kommt!

„Ob das vielleicht daran liegt, dass das Kind mehr bei einer Nanny aufwächst als bei dir?“

Gabby starrt mich an.

„Was? Keine Antwort?“, hake ich nach.

„Ich habe einen fucking Job!“ Gabby ist leicht angesäuert. In Wirklichkeit ist sie nicht angesäuert, sie hat ein schlechtes Gewissen.

Und genau das sage ich ihr auch.

Offenbar hört sie das nicht gerne: „Weißt du was, Tammy? Sowas lasse ich mir von dir nicht sagen!“ Sie steht auf: „Lass mich durch Joana!“ Die beiden sitzen nebeneinander, ich gegenüber auf der anderen Bank.

„Von wem denn sonst?“

„Was?“

„Von wem lässt du es dir denn sonst sagen?“

In dem Moment kommt ein Krachen und Knattern von oben und das Boot gerät in leichte Schräglage. Das Großsegel wird hochgezogen.

Und los geht’s!

„Heiss Fock!“, tönt Mazikeens laute und kratzig-dunkle Stimme den Niedergang herunter. Kurz darauf folgen die Bestätigungen der Seeleute, die dabei sind die Segel zu setzen.

Als der Wind ins Großsegel beißt, kippt die Ketsch um 35 Grad.

„FUCK!“, schreit Gabby, die es wieder auf die Bank und gegen die Rückenlehne haut.

„Wir sind unterwegs?“, fragt Joana.

„Gerade eben“, nicke ich. „Willkommen zu sechs Wochen Südatlantik.“

„Herzlichen Glückwunsch!“, stöhnt Gabby und hält sich eine Hand vor das Gesicht: „Und wenn ich von Bord will?“

„Hier geht niemand mehr von Bord“, schüttele ich den Kopf: „Wir sind auf See. Nächster Stopp Ascension Island.“

Nächster Stopp Ascension Island, Südatlantik