Hormonelle Nächte

Dem Einen oder Anderen ist es bereits aufgefallen: Mein Tagebuch füllt sich wieder. Wie kommt’s?

Es sind diese einsamen Nächte an Deck, wenn das ganze Boot schläft und ich mit mir alleine bin. Dann kommen die Gedanken und die Reflektion. Egal ob Windstille oder Sturm, egal ob Wellen oder stiller Ozean: Das Leben reduziert sich auf mich und die Unendlichkeit. Oder besser: Auf die Tastatur und die Unendlichkeit.

Im Alltag fehlt die Muße. Da sind zu viele Menschen und das zu fast jeder Zeit. Das ist auf dem Pazifik anders. Da stoppt die Zeit. Unendliche Einsamkeit. Und zwar nicht nur für eine Stunde beim Joggen, sondern für eine ganze Nacht.

Aber damit mich jetzt niemand falsch versteht: Es geht hier nicht um tiefgreifende, philosophische Erkenntnisse. So etwas gehört für mich auf die Rückseite von Kalenderblättchen. Ich habe lange aufgehört an Seelen, menschliche Größe und humanitäre Werte zu glauben.

Alles Bullshit!

Wir sind Tiere: Wir wollen fressen, herrschen und ficken. Das war’s. Liebe ist keine Illusion, sie ist der Wunschgedanke einer Spezies von skrupellosen und brutalen Affenartigen, deren Individuen sich einbilden, etwas Besseres zu sein.

Nicht mehr, nicht weniger.

Wie wir sie lieben, unsere Kämpferinnen. Beim Gedanken von ihnen gefickt zu werden, läuft uns die Möse aus. Natürlich muss sie uns lieben – unsere Wunschträume brauchen Futter.

Und wo lässt das Mazikeen und mich? Genau mittendrin. Dort wo auch jede Andere von Euch ihr hilfloses Leben fristet: im Strudel der eigenen Hormone und nicht etwa als einsame Gutmenschen inmitten von verirrten Seelen.

Und wenn ihr bis jetzt noch keine Leichen vergraben habt – keine Bange, die kommen noch. Nicht etwa, weil ihr im Laufe eures Lebens zu hormongesteuerten egoistischen Tieren mutiert, sondern weil ihr nach und nach feststellen werdet, dass ihr es immer gewesen seid.

Oh ja, ich liebe diese einsamen Nächte weit draußen auf dem Ozean. Die Wellen, der Wind, die Sterne und der Autopilot.

Und natürlich meine Hormone. Und das, was sie aus mir machen.

Ich nackt?

Wenn eine Plattform dieses Bild von mir als Sexfoto sperrt, ist sie bereits jenseits politischer Korrektheit. Das ist nur noch politisch krampfhafte Dummheit. Tumblr ist nicht mehr zu helfen. Amen. 
Tittenversteck. Benutzt eure Phantasie, Bitches!

Schulstunde

Wenn ich von „Meilen“ spreche, meine ich keine imperialen Statutmeilen (1 mile = 1,609 km), sondern logischerweise „Seemeilen“, auch „nautische Meilen“ genannt. (1 nm = 1,852 km).

Eine Seemeile entspricht der Länge einer Bogenminute entlang des Äquators.

Die Geschwindigkeitsangabe „Knoten“ besagt, wie viele Seemeilen ein Wasser- oder Luftfahrzeug in einer Stunde zurücklegt.

Capiche?

500 Meilen (nm) vor der Küste.

Dunkle Gedanken

Mit jedem Kilometer, den ich mich weiter von der Küste entferne, habe ich weniger Berechtigung, nach einem Natoeinsatz in der Ukraine zu rufen. Auch wenn ich überzeugt davon bin, dass ein solcher eben nicht zu einem großen Krieg, oder gar zu einem Nuklearwaffeneinsatz führen würde. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn niemand Putin Einhalt gebietet, steuern wir tatsächlich auf einen neuen Weltkrieg zu. Aber das ist nur meine bescheidene Meinung und ich bin keine Expertin.

Niemand, der das hier liest, kann von sich behaupten, das Allheilmittel zu kennen. Jeder hier hat nur eine bescheidene und letztlich unfundierte Meinung. Wenn das Jeder erkennen würde, gäbe es nicht so viel Hass im Netz!
Natürlich müssen Diskussionen zu diesen Themen stattfinden, so funktioniert – hoffentlich manchmal immer noch – Meinungsbildung, doch niemand sollte sich anmaßen, etwas wirklich besser zu wissen, als alle Anderen. Im Endeffekt können nur die Leute, die nötigen Entscheidungen treffen, die die wirklichen Informationen haben. Und das sind nicht die Menschen, die meinen Blog lesen.
Was jedoch für mich feststeht ist, dass niemand, der sich- aus welchen Gründen auch immer – „außer Schussweite“ begibt, das Recht hat, weitreichende und potentiell tödliche Maßnahmen lautstark zu fordern. Deshalb halte ich mich aus der Angelegenheit auch weitestgehend heraus. So gut es mein Zorn eben zulässt.
Auch wenn ich froh bin, dass ich für mich selbst weiß, warum wir auf die Line Islands zusteuern und die Gründe nicht das Geringste mit der aktuellen politischen Lage zu tun haben.

Aber ich schweife ab.

Reise in den Sommer

Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass wir erst einen Bruchteil der ersten Etappe unserer Blauwasserreise hinter uns haben. Wir planen uns möglichst viele der kleinen Atolle der Line Islands (deutsch: Zentralpolynesische Sporaden) anzuschauen. Wir wollen vor der einen oder anderen ankern, sofern erlaubt, und ein wenig Spaß haben. Natürlich werden wir neue Vorräte bunkern. Und – noch viel besser – vielleicht werden sogar Joana und ggf. ihr Typ eine Weile an Bord kommen. Es gibt wohl einen Direktflug von Honolulu. (Ich hoffe, er fällt aus dem Flieger!) Gabby hält sich zu der Zeit vermutlich in Australien auf und hat ihrer Tochter versprochen, dass sie uns vielleicht ebenfalls ein paar Wochen besuchen kann. Auch von Brisbane aus gibt es offenbar einen Flug.

Apropos Flug: Bis jetzt habe ich die Fliegerei keine Sekunde vermisst, selbst dann nicht, wenn ich die Kondensstreifen über uns betrachte. Ich bin erleichtert.

Mazikeen ist im siebten Himmel. (Bei einem Dämon sollte ich wohl besser „Hölle Sieben“ sagen, das trifft es besser.) Sie ist aufgeblüht, wie ich sie seit unserer versuchten Weltumsegelung zu Anfang der Corona-Zeiten nicht mehr erlebt habe. Ich kann es ihr nicht verdenken. Sie ist nun einmal ein Wasserkind. Wie sich das allerdings mit dem geflügelten Wort „wie Feuer und Wasser“ verträgt, ist mir auch nicht klar. Vermutlich habe ich noch nicht alle Höllengeheimnisse entschlüsseln können, da hilft es auch nicht, dass sie behauptet, ich wäre die Höllenfürstin.

Noch mehr als 2.600 Meilen bis in den Sommer

Und das ist gar nicht mal so wenig.
Vor allem, weil der Pazifik wirklich unberechenbar ist und wilde Stürme und wochenlange Flauten bereit hält, das geplante Wetter aber ungerne vorher verrät. Zwischen 40 und 140 Seemeilen täglich sind drin. Was bedeutet, dass die Reise zwischen drei und neun Wochen dauern kann. Wir erreichen die Linien Inseln also irgendwann zwischen März und Juni. Sicherheitshalber schnallt man da die Gürtel schon mal etwas enger.
Aber Spaß beiseite, wir sollten es wirklich bis Ende dieses Monats geschafft haben, solange wir darauf achten, immer etwas Wind in die Segel zu bekommen.

Ich gebe zu, dass mich der Gedanke an 30 Grad warmes Wasser, 100 Grad Lufttemperatur und feuerrote Haut, die sich in großen Blasen abschält, weniger reizt, als der an Joana in meinem Arm. Oder die etwas zweifelhaftere Überlegung, ob ich wieder für Kakaofresse mitten in der Nacht Milch kochen muss (falls sie immer noch auf dem Trip ist). Beides ist gefühlte Ewigkeiten her. Vielleicht macht es der Äquator ja wirklich möglich.

Nordwind

Derzeit können wir uns nicht über das Wetter beklagen: 10 Grad Außentemperatur und eine beständige Brise aus dem Norden. Der Wellengang ist moderat. Unter solchen Bedingungen läuft unsere Ketsch zu Hochform auf. Wir machen echte sieben Knoten, ohne kreuzen zu müssen und das rechnet sich zu fast 170 Meilen in 24 Stunden hoch. Würde das so bleiben, würden wir uns in zwei Wochen am Äquator braten lassen. Natürlich bleibt das nicht. Aber solange es währt, macht es Laune.

In einer Stunde gibt es Frühstück. Ich sitze mit Ken, der inzwischen aufgestanden ist und einer Flasche Tequila an der Reling und betrachte den Sonnenaufgang. Der Autopilot hält die Lady Brendan im Wind. Er schwärmt mir von seinem Freund und dessen „gewaltigem“ Penis vor.

Deshalb die Flasche Tequila.

Sonnenaufgänge im Pazifik

23.30 Uhr

Ich liebe diese Zeiten, wenn ich mit meinem Kaffee in der Küche stehe. Ich weiß dann, dass ich mich bald in den Neoprenanzug quetschen muss und mich kurz danach mit Schwimmweste, Handschuhen und Mütze den Elementen stellen muss! Dann schmecken mein „Morgen“kaffee und mein „Morgen“tee am besten. (Frisch gemahlenen Kaffee mit Milch, danach eine Tasse Ostfriesentee mit Sahne. Feste Nahrung kann ich frühestens vier Stunden nach dem Aufstehen zu mir nehmen.)

Ich weiß überhaupt nicht, wie ich so lange Zeit ohne das Segeln auskommen konnte! Eigentlich ist das schon fast schlimmer als fehlender Sex! Insofern bin ich Mazikeen für ihre Intervention schon dankbar. Ich bin gar nicht mehr so sicher, dass das Fliegen bei mir noch den Spitzenplatz einnimmt.

Ich bin gestern übrigens fast meine gesamte Schicht alleine gesegelt und habe ein weiteres Buch von Nevil Shute gelesen. (Danke, Autopilot.) Erst im richtigen Morgengrauen sind dann die ersten aus ihren Löchern gekrochen. Klar, jeder will die Sonnenaufgänge im Pazifik sehen. Fast jeder. Maze lässt sich davon in der Regel nicht beeindrucken. Ich vermute, dass mein Dämon mehr der Untergangstyp ist.

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Ich mag es, tagsüber zu schlafen. Das gibt mir so ein Gefühl des Faulenzens. Außerdem kann man dann ohne große Umstände im Hellen ficken. Das war überhaupt so eine Umstellung: Mittlerweile ist es ja Maze, die bestimmt, wann ich Orgasmen haben darf (mal vom täglichen Masturbieren abgesehen). Das ist ein völlig neues, durchaus interessantes Lebensgefühl!

Überhaupt, masturbieren: Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das Einschlafen ohne Selbstbefriedigung funktionieren soll! Oder das Aufwachen. Manche Menschen können beides angeblich auch ohne. Ich finde das komisch!

Morgens und abends. Wichtig!

05.29 Uhr

Sonnenaufgang. Und alle sind sie wieder an Deck.

Inzwischen hat der Wind gedreht (Nordnordwest, yaih!) und die Ketsch läuft phantastische 7.3 Knoten unter vollen Segeln bei halbem Wind! Das macht Laune. Sobald es richtig hell ist, macht Gernot Frühstück an Deck. (10° unterm Softtop ist bei unseren Klamotten erträglich. Aber es wird Zeit, dass wir in wärmere Gefilde kommen, da habe ich wirklich Lust drauf.)

Ansonsten wünsche ich mir, dass ich das Putin-Arschloch in die Finger bekomme!

Ich frage mich schon immer, wieso ich bei so einem Wellengang überhaupt schlafen kann?!

Wow! Ein totgeiler bordeauxfarbener Sonnenaufgang.

Es ist kurz nach Sechs, wir befinden uns jetzt westlich des 129. Meridians,  zwischen dem 44. und dem 45. nördlichen Breitengrad.

Mit jetzt südwestlichem Kurs dauert es ein wenig, die Staaten hinter uns zu lassen. Tatsächlich ist die Küste nach wie vor nur 225 Meilen entfernt.

So oder so: Die erste Zeitzone haben wir gemeistert.

Möchtegern-GRÖFAZ

Mir bleibt langsam jeder Tagebucheintrag im Hals stecken. Erlebe ich hier gerade einen Albtraum oder haben die Oberrussen jetzt wirklich komplett den Verstand verloren?
Ich will wieder zurück in die traurige Impfgegnerwelt. Diese Spinner hatten wenigstens keine Atomwaffen. Da segelt man friedlich in den offenen Pazifik und alles, was einem durch den Kopf geht ist der größenwahnsinnige Möchtegern-GRÖFAZ im Kreml.
Nervt. 

Schräglagenkaffee

Ich liebe es morgens nackt in der Küche zu stehen. (Wobei ich mit „morgens“ die Zeit vor meiner nächsten Schicht bezeichne, denn in der Tat ist es fünf Minuten nach Mitternacht.)

In der Küche stehe ich, weil der Herd der einzige Ort ist, an dem ich manchmal bei 30° Heeling (Schlagseite/Schräglage/Bootsneigung) eine richtige, halbvolle Tasse Kaffee abstellen kann. Auch ohne Deckel.

Wir machen wieder 5 Knoten, hart am 15kn-Wind. Sofern man bei einer alten Ketsch überhaupt von „hart“ am Wind sprechen kann. Mit extremen Gegenwindkursen ist der Zweimaster (manche sagen „Eineinhalbmaster“) nicht zufrieden. Raumkurse sind sein Metier. (Sagen wir vereinfacht: Seitenwind.) Dann wird das gesamte Tuch ausgepackt und Lady Brendan verwandelt sich in Schmitz‘ Katze! (Tuch = Segel oder auch Segelfläche.)

Zurück zum Kaffee. Gernot steht neben mir, denn er ist der Meister aller Küchen und sein Kaffee ist französisch genial! Er ist wirklich ein netter Kerl, ich kann Ken verstehen – auch wenn mir das Bild von Penissen in Männermündern einfach nicht aus dem Kopf will. Nicht etwa, weil ich es eklig finde, sondern weil ich ja vor zwei Tagen zuschauen musste (konnte?). Seltsame Sache. Auf jeden Fall ist es toll, wenn ein Typ meinen nackten Körper bewundert und ich gleichzeitig weiß, dass er mir nicht an die fehlende Wäsche will. Wer mich kennt weiß, dass ich eine der notorischsten Exhibitionistinnen unter der Mitternachtssonne bin!

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Der große Roman von Andrea Downey-Lauenburg (Tammy)

Seltsames Wetter. Regen und dichter Nebel. Wir schleichen bei 3 Knoten Wind auf südlichem Kurs vor uns hin. Mazikeen ist im Bett und Gernot auch. Ken und ich halten uns mit einer Kanne heißem Tee wach und warm. So ein Nebel kriecht durch jede Ritze.

Lange anhalten wird die Flaute jedoch wohl nicht, wenn ich mir den Wetterbericht anschaue. Rings um uns sind Zonen mit starkem Wind und weiter westlich auch Sturm. Nichts, wovor man sich fürchten müsste, allerdings. Ich werde Ken wohl doch mal alleine an Deck lassen, solange die Flaute noch anhält und ich vor Müdigkeit völlig ungenießbar werde.

Und plötzlich ist der Wind weg. Wie soll ich das denn jetzt verstehen?

Da ich hier ja nun ohnehin nutzlos herumsitze und zuschaue, wie Ken das Boat meisterhaft durch den Sturm steuert, kann ich auch vom ersten Tag, bzw. dem ersten Abend auf dem Boot berichten.

Ich wurde mit einer Torte empfangen, die Gernot gebacken hat. Voll süß. Beide, die Torte und er. „Pacific Calling“ stand drauf, und klein darunter „Welcome home!“ Wirklich cool! Und dann gab es zwei Flaschen Tequila, die dafür sorgten, dass alles in eine Sexparty ausartete.

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Schon cool, was ein schwules und ein lesbisches Pärchen bei einer Orgie so alles veranstalten können. Ich sage nur „Penis- und Tittenschwingen“, obwohl meine derzeit eigentlich nicht besonders groß sind. In meinen C- und D-Cup-BHs muss man schon nach ihnen fahnden. Richtig mit Belohnung und so. Aber fürs Schwingen und Daran-Wackeln-Lassen hat es noch gereicht. (Auch Schwule grabschen gerne. Wer hätte das gedacht!?) Ich hätte zuviel abgenommen, behauptet Mazikeen. Sie steht nämlich auf pralle Möpse. „Pech“, kann ich da nur sagen: „Deal with it“! Ich mag meinen flachen Bauch. Gefickt hat Maze mich trotzdem. Was wir sonst noch getrieben haben, verrate ich nicht. Vielleicht später mal, wenn alle Leser hier erwachsen geworden sind.

Jetzt sind wir todmüde und haben weitere 24 Stunden Schlaflosigkeit vor uns. Und mir tun die Nippel weh. (Keine dummen Fragen bitte.)

Der dauerhaft hohe Adrenalinspiegel während eines solchen Sturms hilft Gottseidank beim Wachbleiben. Ich frage mich nur, wer von uns am Dienstag, wenn das Theater vorbei ist, länger wachbleiben muss!

Nein, ich kann das nicht einfach bestimmen, sondern muss herausfinden, wer dazu am ehesten in der Lage ist. Es hilft ja nichts den Sturm durchzustehen, nur um danach zu kentern, weil jemand am Steuer einschläft!

Aber eines weiß ich: Wenn wir in etwa zwei Wochen irgendwo sicher vor Anker gehen können, werden wir die Party nicht nur wiederholen, sondern eskalieren!

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Toll! Jetzt habe ich mir schon in der ersten Sturmnacht Knie und Ellbogen aufgeschlagen! WIE KANN MAN NUR SO DÄMLICH SEIN!?
Tja, so eine Knopfdruckyacht hätte schon Vorteile... Wenigstens haben wir einen Allroundkoch.
Wieso sind eigentlich alle Schiffsköche auch gleichzeitig Krankenpfleger? 

Das Wetter und die Meteorologen haben uns schon wieder ausgetrickst.

Obwohl die Sonne noch nicht richtig untergeganen ist, segeln wir in der schwärzesten Nacht. Der Pazifik um uns herum tobt in einem 40-Knoten-Sturm.

Die Lady Brendan wird von der kleinen Fock gezogen und vom Besan stabilisiert. Das Hauptsegel haben wir geborgen. An Schlaf ist nicht zu denken, so wie die Ketsch über die Wellen springt und der hölzerne Rumpf immer mal wieder erstaunlich laut in die Wellentäler kracht.

Ken ist am Ruder, während Maze und ich uns grinsend das Schauspiel betrachten. Es gibt nicht viel zu tun, Ken hält unsere Position zum Wind. Gernot versorgt uns regelmäßig mit Tee und Sandwiches. Mit ein wenig Glück hat sich das Wetter am Dienstag beruhigt, dann können wir den Schlaf nachholen.

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Vorhin hat Ken sich darüber amüsiert, dass ich "wohl unbedingt dem Sturm hinterhersegeln" will. Er hat Recht, denn ich habe unseren Kurs geändert. Jedoch nicht um mehr Spaß in Wind und Wellen zu haben, sondern weil ich nicht länger vorhabe, die amerikanische Westküste entlangzusegeln. Ich will weg vom Kontinent und weg von den Staaten. Deshalb kein Frisco und kein LA für uns und auch kein Hawaii. Wir nehmen direkten Kurs auf die Line Islands am Äquator. Ich glaube nicht, dass der verrückte Russe seine Bomben mitten in den Pazifik wirft. 
Why taking chances?
Gar nicht mal so unspektakulär, das Wetter hier draußen! Natürlich haben wir nicht bis zum Morgengrauen gewartet! Einfach herumsitzen und auf irgendetwas warten, mag niemand von uns dreien. (Bei Gernot kann ich das noch nicht beurteilen.) 
Gerade habe ich noch über Kommandostrukturen gesprochen, da ist schon die erste leicht kontroverse Entscheidung gefallen. Nichts Ernstes, doch es zeigt, dass es - speziell unter mehreren erfahrenen Seeleuten - einfach jemanden geben muss, der schlussendlich das Sagen hat!
Der 25+ Westwind hat Mazikeen natürlich nicht schlafen lassen. Und was sie auf der Stelle aus dem Bett getrieben hat, war der Klang unseres Dieselmotors.
(Ich hatte erwähnt, dass sie auf Yachten kein Freund von Motorenklang ist, richtig? Wenn es nach ihr gehen würde, gehörte so etwas verboten. Ich hatte sie mal gefragt, ob sie eine Yacht zum Anleger paddeln wolle? In Marinas geht es nämlich oft so eng zu, dass kaum zwei Boote aneinander vorbei fahren können. Die Antwort ist sie mir natürlich schuldig geblieben.)
Jedenfalls hatte sie erwartet, dass ich die Lady Brendan direkt unter Segel setzen würde. Mir geht es durchaus ein wenig wie ihr: Segelboote gehören gesegelt, und nicht gedieselt. Trotzdem: Bei solchem Wetter möchte ich doch lieber erst einmal zwanzig Minuten Abstand zur Küste haben! Vermutlich liegt das daran, dass jeder Pilot zuerst lernt, dass nichts so wichtig wie Sicherheit und Vorausschau ist. (Nicht, dass sich jeder daran halten würde.) 
Aoropos Wetter: Die inzwischen 35+ Winde und 40+ Böen werden uns mit kurzen Pausen wohl noch bis Montagabend oder -nacht begleiten. Nett, wie uns der Pazifik begrüßt. Danach können wir aber auf freundlicheres Wetter und eine gemütlichere Reise hoffen.

Hoffen.
Wenigstens bleiben die Temperaturen um die 10° erträglich. Ein hinten offenes Softtop reicht. Ich hatte schon befürchtet, dass wir rundherum dicht machen müssten.

Willkommen an Bord

Der neue Tag, der Sonntag ist gerade eine Stunde alt und wir warten darauf, dass unsere Reise beginnt.

Natürlich ist es erst ein paar Tage her, dass dieselbe Truppe ein anderes Boot auf der anderen Seite des Atlantik bemannt hat. Und doch fühlt es sich an, als wären wir Jahre getrennt gewesen. Für alle, was kaum zu verstehen ist. Ob es am Boot liegt, mit dem wir – zumindest drei von uns – so intim vertraut sind?

Ich habe Mazikeen ins Bett geschickt, denn so wie alle sagen, scheint sie in den vergangenen Tagen überhaupt nicht geschlafen zu haben. Sie hat offenbar sowohl zu Hause wie auch auf der Fahrt hierher noch einmal alle Systeme überprüft und letzte Veränderungen vorgenommen, während Gernot die Bootsküche, die „Galerie“, weiter optimiert und die Lebensmittelbestände unter die Lupe genommen hat. „Ich habe noch nie etwas so Optimales vorgefunden“, hat er mir gestanden. Und Ken hat freiwillig ein paar abgeplatzte Lackstellen am vorderen Teil der Kabine abgeschliffen, grundiert und neu gestrichen. Die Lady Brendan sieht aus, als hätte sie gerade eben die Fertigungshalle verlassen!

Was ich auch noch nie erlebt habe ist, dass jemand für mich eine Party organisiert hat, nur weil ich an Bord gekommen und das Kommando übernommen habe.

Zugegeben, es klingt etwas hochtrabend bei nur vier Seelen an Bord von „Kommando“ zu sprechen, doch jedes Boot – wie auch jedes Flugzeug – braucht jemanden, der letztlich die Verantwortung trägt und das Sagen hat. Alles Andere kann tödlich enden, wie man es recht oft bei Freizeitkapitänen sieht. Wir allerdings sind uns dieser Dinge bewusst. Und wenn man sich die gesamte Besatzung anschaut, versteht man auch warum. Jeder von uns war, zumindest teilweise, professionell auf den Ozeanen unterwegs.

Allen voran Ken, das muss ich zugeben. Sein letztes Kommando in der zivilen Seefahrt war als Erster Offizier auf einem Kreuzfahrtschiff. So weit bringt es jemand, der schon mit 15 Jahren als Schiffsjunge auf einem Frachter unterwegs gewesen war. Mehr noch: Er hat die Reise mit uns einer Position als Kapitän eines neuen Schiffes der gleichen Reederei vorgezogen. Niemand kennt das Meer – speziell auch den Pazifik – besser als er. Von der Erfahrung her müsste eigentlich er der Boss hier sein. Aber das Boot, auf dem ich eine solche Reise unternehme, das von einem Mann kommandiert wird, muss noch gebaut werden! Ich traue keinem Mann, wenn es um rationale Entscheidungen in Streßsituationen geht. Erfahrung hin oder her. Ausserdem ist es nicht das erste Mal, dass ich auf einer Yacht – auch professionell – sein Captain war.

Und Mazikeen? Hallo!? Sie ist mein Dämon und nicht umgekehrt! Ausserdem – so oft sie auch auf Rennbooten unterwegs war – sie ist ein Ingenieur, ihre wirklichen Fähigkeiten liegen auf anderen Gebieten. Sie ist eine Kombi aus Macgyver, A-Team und Elon Musk.

Was mich selbst angeht – ich habe einige Luxus-Charteryachten in meinem Leben kommandiert, nie wirklich auf Weltreisen, doch ich weiß sehr genau wo bei einem Boot der Bug und wo Achtern ist. Und was  Krisensituationen angeht, macht mir niemand etwas vor. Nirgends werden einsamere und reaktionsschnellere Entscheidungen verlangt, als in einem Flugzeug. Und nirgends kann eine einzige falsche schneller zur Katastrophe führen.

Es gibt, laut Maze und Ken, keine logischere Wahl als mich. Danke für die Blumen!

Und Gernot, Kens neuer Lover , was ist mit ihm?

Er kocht.

Irgendwo warm

Mazikeen ist noch nicht eingetroffen, das Boot macht nach wie vor nicht mehr als 2-3 Knoten. Da meine Dämonin Motoreneinsatz ja für Geldverschwendung hält, schleicht die Lady Brendan gerade an Ocean City vorbei. Es wird also Samstag, bevor sie hier ankommt.

Hier, das ist Westport an der Küste von Washington, wo ich gerade einsam an einer Hotelbar sitze. Nicht mehr lange, denn der Barkeeper wirft mich gleich raus. Um Eins wird hier Feierabend gemacht. Glückliches Landleben, schätze ich.

Maze hat schon angekündigt, dass sie nicht in die Bucht einlaufen wird und ich mir einen lokalen Motorbootbesitzer suchen soll, der mich raus aufs Meer bringt. Mein Dämon ist sich wohl zu fein für ihren Captain das Dinghy auszupacken. So be it. Andererseits geht es so ja auch schneller.

Ich will nämlich hier weg. Weg vom nordamerikanischen Kontinent. Wer weiß, was dem Irren in Moskau demnächst einfällt. Wer schon mobile Krematorien seinen Invasionstruppen hinterher schickt… Das mit dem „Gleichgewicht des Schreckens“ hat sich ja erledigt, seit Putin, im Gegensatz zu den Amerikanern, über Hyperschallwaffen verfügt, die Atomsprengköpfe tragen können.

Nein, das ist nicht politisch, es ist eine simple Aufzählung von Fakten. Was man davon hält, dass es überhaupt dazu kommen konnte und dass die US immer noch Öl aus Russland kaufen – das wäre politisch.

Ich will nur noch raus auf den Pazifik.

Irgendwo warm.

Weg hier

Lady Brendan und ich

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell, wie konsequent und wie überraschend meine Schwester bei mir auftauchen kann, wenn sie etwas von mir will – oder nicht will, je nachdem. Ich war noch nicht richtig angekommen, da steht sie schon in der Tür.

Joana hat mir ihr Haus in Bel Air überlassen – für das ich ohnehin die Schlüssel habe – weil sie selbst (*seufz) bei Dreharbeiten ist. Ich habe erst für morgen den Weiterflug nach Palm Springs geplant, obwohl – ich bin nicht sicher, ob das überhaupt noch Sinn macht, denn Aniks Gesicht wirkt seltsam bedeutungsschwer.

Das war der Anfang meines Tagebucheintrags und dann kam Putin, der Irre.

Krieg

Noch während wir im Café saßen, kam zuerst die Nachricht vom Krieg und keine 10 Minuten später per Telefon die Warnung von Miranda, dass unsere gesamte Expansion nach Europa auf Eis gelegt wird. Warum muss ich eigentlich ständig in Firmen investieren, die wegen Viren oder Kriegen Pleite gehen?

Zugegeben, von Pleite kann (noch) keine Rede sein, doch die aufge(sc)hobene Ausweitung macht das Leben auch nicht leichter. Vor allem, da Vilnius – of all places – ein angedachter Standort für unsere beiden neuen Flugzeuge war!

Konsequenzen

Natürlich hat sich die Situation unserer Firma durch den Ukraine-Krieg gewaltig geändert. Miranda hat prophezeit, dass sich unsere Aufträge für Europa deutlich reduzieren würden. Was sich schon am ersten Kriegstag bestätigt hat: Die Studios beginnen nach neuen Locations zu suchen. Drehs, die für Osteuropa geplant waren, werden auf Eis gelegt oder in die Staaten verschoben. Vor allem die Majorproduktionen suchen neue Locations in den Staaten, es gibt hier ja viele Alternativen. Drehorte in Osteuropa waren ja vor allem aufgrund der geringeren Kosten für die Produktionsfirmen attraktiv gewesen. Kein Studio möchte seine Stars auf einen Kontinent schicken, von dem man nicht weiß, ob nicht in der nächsten Sekunde Raketen fliegen. Oder, weniger dramatisch, von dem man nicht weiß, welche Flugrouten in den nächsten Stunden überhaupt noch existieren.

Europa ist für uns also erst einmal gestorben. Was bedeutet, dass die neue 738 eine Fehlinvestitution war. Das gleiche gilt für ihre Crews und für mich, denn ich werde nicht mehr so dringend benötigt, wie noch vor ein paar Tagen.

„Der ideale Zeitpunkt für dich, dir einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Der Himmel stehe ihm bei!“, meint meine (jetzt Ex-) Chefin süffisant.

Entscheidungen

Aber natürlich hat Miranda längst erfahren, dass ich ohnehin nicht vorhatte, meine Arbeit noch einmal ernsthaft aufzunehmen. Ein oder zwei Monate wäre ich noch geblieben, um die neuen Piloten einzuarbeiten, doch dann wäre ich Mazikeens Aufforderung gefolgt und hätte meine Pilotenkarriere an den Nagel gehängt. Zumindest fürs erste. Wenn ich zwischen meinem Dämon und allem Anderen auf der Welt wählen muss, gibt es für mich keine andere Entscheidung.

Maze weiß das. Erstaunlich ist nur, dass sie mich vor diese Alternativen gestellt hat. Andererseits – sie hätte mich nicht verlassen, das könnte sie gar nicht. Dämonen sind dazu verdammt ihren Höllenfürstinnen bis in alle Ewigkeit zu folgen. Ich nehme an, sie würden sich ansonsten in eine Rauchwolke auflösen oder sowas. So oder so: Mazikeen hat Recht, wenn sie sagt, dass ich fast zwanzig Jahre alleine über unser Leben bestimmt habe, und es Zeit wird, daran etwas zu ändern.

Lady Brendan

Es ging alles Schlag auf Schlag. Noch während es in der Ukraine ernst geworden ist, haben Ken und Gernot ihre Sachen gepackt und sind nach Orcas geflogen. Jetzt sind sie bereits auf See und haben südlichen Kurs Richtung Bowerman eingeschlagen, wo ich zu ihnen stoßen und die Lady Brendan übernehmen soll.

Ja, unsere gute alte Lady Brendan, die Ketch, mit der wir schon so viele Meilen auf See verbracht haben. Maze wusste von Anfang an, welches Boot ich wählen würde, gar keine Frage. Die anderen Yachten hat sie einem örtlichen Broker übergeben und ich bin sicher, dass sie in allerkürzester Zeit neue Besitzer finden werden, zumal es in solch unsicheren Zeiten immer mehr Menschen aufs Meer zieht. Da draußen überlebt man bei einem nuklearen Armageddon ein paar Monate länger. Was jedoch nicht der Grund für meine Entscheidung ist.

Ket(s)ch

Die Lady Brendan. Wer dieses Tagebuch schon länger verfolgt, kennt sie noch. Ein alter Zweimaster, eine sogenannte Ketch, bei der der hintere Mast kleiner ist und hauptsächlich eine stabilisierende Funktion hat. Sie hat durch ihren Langkiel wenig Tiefgang (1,60 Meter), was ideal für Inselhopping ist; neben einem Katamaran ist sie das ideales Boot für, zum Beispiel, die Karibik. Was jedoch (vorerst) nicht unser Ziel sein wird. Der kurze Kiel macht sie sehr stabil für die großen Fahrten, aber darunter leidet die Wendigkeit. Es müssen immer Kompromisse gemacht werden. Auch bei Booten gibt es keine eierlegende Wollmilchsau.

Sie ist mit 15 Meter Länge kein Riesenschiff, jedoch auch kein sonderlich kleines. Mit nur knapp 4 Meter Breite, hat die Lady Brendan schon fast Modelmaße. Schick, schick! Und unter vollen Segeln (5!) ist sie eine wahre Schönheit! Schnell ist sie nicht gerade; wer erwartet von einem Higheels-Model auch schon Sprintqualitäten!

Tatsächlich ist sie gegenüber den möglich gewesenen Alternativen das mit Abstand langsamste Boot (unter anderem aufgrund des Langkiels). Sie ist alt und aus Holz. Rennen kann man mit ihr nicht gewinnen. Mein Herz hat sie aber. Zumal Maze sie mit allem ausgestattet hat, was gut und teuer ist. Auf diesem Boot haben sogar die Reservesysteme Reservesysteme. Sie ist auf Langzeitreisen ausgelegt. Ihre Zeit auf See ist lediglich durch die Menge an Lebensmittel beschränkt, die wir bunkern können. (Und der Menge meiner Tabletten.) Ergo auch durch die Zahl der Besatzungsmitglieder, die wir aus diesem Grund so niedrig wie möglich halten. Maze und ich hatten ein paar Telefondidkussionen, ob wir zusätzliche Besatzung brauchen oder nicht.

Die Besatzung

Eine alte Ketch (deutsch: Ketsch) ist kein moderner „Knopfdrucksegler“. Trotzdem oder wunderlicherweise ist sie schon fast das ideale Boot, behauptet Maze, um ganz alleine die Welt zu umrunden. Zumindest könnte das ein sehr erfahrener Seemann. Noch erstaunlicher: Je größer die Ketch ist, desto einfacher lässt sie sich segeln!

Darüber haben Maze und ich lange diskutiert. Ihre Meinung: Der kleinere Besanmast achtern (im Gegensatz zum bekannteren Schoner; der hat in der Regel zwei oder mehr gleich große Masten) und der Langkiel stabilisieren das Boot derart, dass immer genügend Zeit bleibt, um sich um die Hauptsegel in der Mitte und vorne zu kümmern. Plus: Kleinere Segel (mit kleineren Einzelflächen aber gleichem Gesamttuch) lassen sich von einer einzelnen Person, selbst bei schwerem Wetter, leichter handhaben. Um größere Segel aufzuziehen wird sonst oft ein zweiter Seemann benötigt. Vermutlich hat Maze Recht; sie ist schließlich der Bootsingenieur, nicht ich.

Also haben wir uns entschieden, diesmal keine weitere Besatzung anzuheuern. Vier Mann im Zwei-, teilweise Drei-Schicht-Betrieb reichen aus. Ich bin gespannt. Auf jeden Fall wird es eine Menge Spaß machen, sich bei Seegang von Segel zu Segel und von Mast zu Mast zu hangeln.

Außerdem schaffen wir, aufgrund der neuen Ausstattung, mit nur vier Leuten – plus gegebenenfalls ein oder zwei Gästen – bequem fünf bis sechs Wochen auf See, ohne zu verhungern oder zu verdursten.

Das liebe Geld

… ist vorhanden. Sonst bräuchten wir erst gar nicht zu starten. Ich war richtiggehend schockiert, wie viel Mazikeen in den vergangenen zwanzig Jahren gehamstert hat! Und ein wenig bringt mir meine Beteiligung ja auch. Zumindest wenn diese Airline diese Krise übersteht. Das letzte Mal  ging das ja ziemlich schief.

Selbst Ken hat ein wenig „auf der hohen Kante“! (Woher dieser komische Ausdruck wohl kommt?) Was Gernot angeht – keine Ahnung, ist Kens Problem, nicht meines.

Wann wir starten

Es war meine vorerst letzte Nacht in Joanas Haus. Heute geht es noch nach Bowerman, wo die Yacht vermutlich morgen ankommen wird. (Das Wetter ist derzeit etwas launisch auf See.)

Auf jeden Fall freue ich mich riesig wieder ein Boot zu übernehmen. Diesmal sogar ohne mir ständig Sorgen um das liebe Geld zu machen.

„Sparen hilft“, grinst Mazikeen.

Wie gut, dass das wenigstens einer von uns kann!

Eine Ketsch mit drei Vorsegeln, Hauptsegel und Besan

PS: Es mutet komisch an und es fällt ein wenig schwer, über das Segeln und unsere bevorstehende Weltreise zu schreiben, während in der Ukraine die Menschen ins Kriegselend gestürzt werden. Aber muss ich deswegen mein eigenes Leben anhalten? Trage ich Schuld für jeden Irrsinn, der auf der Welt passiert? Ich setze mich finanziell für die Dinge ein, die mir am meisten am Herzen liegen, und das muss reichen. (Die Obdachlosen in den Staaten bleiben trotz des Krieges in Europa obdachlos und haben Hilfe verdient, auch wenn die Medien über andere Dinge reden.) Und was das Politische anbelangt: Ich habe längst aufgegeben, mich in den sozialen Medien diesbezüglich zu äußern (Ausnahme: Trump. Das ist keine Politik, das ist Selbstverteidigung). Ich beteilige mich nicht mehr an diesen hasserfüllten Diskussionen, die das Leben im öffentlichen Online-Raum so schwierig machen. Natürlich habe ich auch online meine Leidenschaften, das bleibt nicht aus: Ich wettere gegen das idiotische und sexistische Gendern und das sogenannte „politisch Korrekte“, und ich halte auch nicht hinterm Berg, wenn es ums Impfen und gesellschaftliche Verantwortung geht. Beides ist auch politisch, ich weiß. Jeder hat so seine Themen. Doch ich diskutiere nicht und lese auch keine Kommentare auf Twitter und Co. Aber wer Schuld an Kriegen hat? An Aufrüstung und Hetze? Dem Wiedererstarken alter Seilschaften? Ob Demokratie Sinn macht? Und, und, und … Keine Lust dazu, denkt was ihr wollt.

Wer von Weltreisen und fernen Ländern lesen will (und gerne auf Telegram auch Fragen stellen möchte), vom Segeln und von Ozeanen und von den verrückten (sexuellen) Beziehungen auf engstem Raum – der ist hier richtig. Krieg und Ärger jedoch, bleiben weitestgehend draußen.

Hier gibt es Sex statt Krieg

Noch mehr Sex gibt es hier!

Raketen statt Airliner

So viel also zu unserem neuen Standort Europa. Bei uns hagelt es Stornierungen. Das war es dann auch mit meinem Europajob.

Reizend.

Aber ich wollte ja sowieso aufhören…

A No Brainer?

Ist es wirklich logisch, was mir die Marketingexperten und Werbefachleute erzählen? Wenn du „systematisch deine Reichweite erhöhst“, das „Instrument Soziale Medien konsequent nutzt“, „zielorientierte Werbung schaltest“ und „mit deinen Fans niveauvoll interagierst“ , „etablierst du dich als Marke“ und verkaufst eine Menge Bücher.

WTF?! Was ist, wenn ich das alles gar nicht will?

„Coaches“

Die Antwort von „Life Coaches“, „Business Coaches“ und sonstigen Schmarotzern ist immer die Gleiche: Sie schicken mir sinngemäße oder tatsächliche Fragezeichen auf diese Aussage. Vermutlich weil es Nicht-Erfolgsorientiertes in ihren Augen nicht geben kann. (Oder soll oder darf?) Was die selbsternannten Experten und die sogenannten „Coaches“ immer wieder übersehen: Ich muss keine Bücher verkaufen. Ich mag es, wenn es Menschen gibt, die lesen was ich schreibe und ich liebe es, mit meiner Schreiberei mein eigenes Regal zu füllen, doch das war auch schon (fast) alles. Dabei ist es mir herzlich egal, ob wir hier von 50 Lesern sprechen oder von 50.000.

Facebook

Ich gebe gerne zu, dass ich Facebook zu Anfang genutzt habe, um mir mit Spaß eine Fan-Basis zu schaffen und um meinen Namen ein klein wenig bekannt zu machen, doch das habe ich längst aufgegeben. Facebook ist zu restriktiv geworden, um noch Spaß zu machen. Außerdem gibt es bei so vielen „Mitlesern“ viel zu viele dumme Menschen, die mir schlicht auf die Nerven gehen. Das muss ich nicht haben.

Am Anfang habe ich durchaus mit netten Leuten über die Autorenseite selbst, über den Messenger und immer auch mal wieder in eigenen Facebook-Gruppen niveauvoll (mehr oder weniger) „interagiert“, doch – ehrlich – was bringt das, wenn Menschen alles falsch verstehen wollen, wenn sie nicht richtig lesen können oder in ihrer Naivität und/oder Dummheit nicht kapieren, dass ich weiß, warum ich etwas schreibe. Und dass es mir am Arsch vorbeigeht, wenn jemand mir Lebensratschläge geben will. Ich bin inzwischen 38 Jahre alt und mache längst mein eigenes Ding. Und das wird auch so bleiben. (Nicht das mit dem „38“. *seufz)

Ja, ich habe anfangs mit Menschen interagiert, noch nicht einmal aus Marketinggründen, sondern weil ich dachte, es würde manchen Frauen/Mädchen helfen, mit ihrem täglichen Lebensmartyrium besser zurecht zu kommen. Sinnlos. Gegen endemische Dummheit ist nicht anzukommen.

Was mir heute mögliche Online-Kommunikationen vergällt, ist das sich explosiv ausbreitende Gutmenschentum (Ja, für mich ist es ein Schimpfwort! Suck it!), das in meinen Augen bereits satirische Züge angenommen hat.

Freundschaft

Es gibt tatsächlich Leserinnen, die mir aus meinen Anfangszeiten (2012) geblieben sind. Ich nenne sie inzwischen „Freundinnen“, zumal ich mich inzwischen schon mit zwei Mädels im Café getroffen habe (Flair, Bournemouth, hi guys!) und ich eine von ihnen zu einem Rundflug über Hampshire eingeladen und ihr mein altes Häuschen aus der Luft gezeigt habe. Aber es sind nicht viele Freundinnen; es sind Frauen, die immer da waren und die mir nie auf die Nerven gegangen sind. Die all meinen Unsinn ertragen und kapiert haben, dass ich im Internet nicht kommuniziere, um mir ungefragte Ratschläge zu holen. Freunde mögen andere Ansichten haben als ich (denn wir sind hier weder bei F·R·I·E·N·D·S noch bei Sex and the City), doch sie akzeptieren auch meine. Sie verschwinden nicht im Online-Dunst, wenn sie bemerken, dass ich anders bin, als sie gedacht – oder gehofft – hatten.
Dass mein Leben und meine Geschichten nicht in jeder Hinsicht deckungsgleich sind, sollte ja eigentlich jeder Fünftklässler erahnen können!

Soziale Medien

Zugegeben: Ich vermisse einige von den Online-Freunden, die mir im Laufe der Jahre abhanden gekommen sind, doch das ist im realen Leben nicht anders: Freunde kommen und gehen. Ich will mich nicht nur über die andere Seite beklagen; ich weiß, dass zum Tango immer zwei gehören. Niemand läuft gerne jemandem hinterher. Andererseits – ich bin nie diejenige gewesen, die auf den Sozialen Medien den Kontakt zum Einzelnen gesucht hat. Das waren die Anderen.

Wobei wir beim Thema sind: Ich habe versucht, Plattformen zu finden, die mir Spaß machen. Ich habe es mit YouTube versucht und festgestellt, dass ich auf Videos grässlich wirke. Das ist ein absolutes NO-GO!
Auch Tumblr habe ich verlassen; aus Protest gegen ihr damals neu adoptiertes Tittenverbot.
Bei Instagram war es anders herum: Bis heute weiß ich nicht, warum ich hinausgeworfen wurde. Spamming lautete die Begründung. Ich habe Landschaftsfotos gepostet, die ich selbst gemacht habe und Bilder von mir, hochgeschlossen und züchtig wie eine nordkoreanische Nachrichtensprecherin. Und Privates in Textform und hin und wieder Links zu meinem Blog. So antisexuell wie ich es fertiggebracht habe. Aber Spamming? Dann eben kein Instagram mehr.
Dann ist da noch Twitter. Was ganz nett ist und das gleich aus zwei Gründen: Zum Einen ist es ein Leichtes und fordert keinen Zeitaufwand zwischendurch ein wenig Galle zu spucken. Eine kurze Stellungnahme zu Krieg, Frieden, Populisten und Fickstellungen abzugeben, zum Anderen gibt es dort so herrlich viel Porno! Kommentare auf Twitter sind natürlich unterste Schublade. Wenn man sie jedoch konsequent ignoriert und gar nicht erst liest, stören sie nicht weiter. Wer also meine reaktionären Kurz-Ausflüsse lesen will: Twitter ist das Medium.
Und was ist mit Telegram? Ich stelle fest: Niemand dort hat Lust mit mir über Profanes und Sexuelles zu quatschen. Was keine Beschwerde, sondern schlicht eine Tatsache ist. Also auch sinnlos. Oder, wie es die Schmarotzer aus der Coachfraktion sehen würden: Ich bin nicht niveauvoll und nichtssagend genug, um auf die berechtigten Bedürfnisse der Teilnehmer politisch korrekt einzugehen. (Wer kennt nicht die herrlich neutralen Emails von jeglichem Support, die einem erklären, was man sowieso schon weiß? Sie signalisieren Hilfsbereitschaft, um in keiner Weise auf die ursprüngliche Frage zu antworten. Meist, weil sie die Kundenmail gar nicht erst richtig gelesen haben, weil sie nicht an Problemen interessiert sind, oder ihre Antwortliste das angefragte Problem nicht aufweist und sie folgerichtig nicht wissen, was der Fragende eigentlich von ihnen will. DAS gefällt den Coaches!)

Sex, Drug and Rock’n’Roll

Was also für den geneigten Leser übrigbleibt, sind meine Meckereien auf Twitter und mein geliebter Blog auf http://www.tammysdiary.blog. Den behalte ich bei; denn dort kann ich tun und lassen was ich will (schreiben, nicht schreiben, Ärger machen, Geschichten erzählen, aus meinem Leben berichten, Bilder posten, etc). Was Facebook angeht: Auch das bleibt natürlich, so viele „Fans“ kann ich schlecht ignorieren. Dort poste ich hin und wieder Werbung für meine Bücher und stelle Links zu besonders interessanten Blogeinträgen ein. Das tatsächliche Tammy-/Andrea-Leben passiert jedoch hier.

Womit ich dann wieder bei meinem eigentlichen Thema angelangt bin: Ich schreibe was ich will und nicht das, was Coaching, Marketing und Werbung soufflieren – denn Letzteres passt nicht in mein Leben (und gehört ohnehin verboten).

Ich verdiene mein Geld mit Fliegen (oder habe es zumindest – anderes Thema) und Airline-Beteiligungen. Außerdem habe ich eine stinkreiche Frau (wie ich festgestellt habe) und keinen Ehevertrag. Bücher schreiben ist ein Hobby. Eines! Wenn jemand meine Geschichten lesen will, freue ich mich, wenn nicht, dann nicht. Meine Leidenschaft jedoch, gehört dem Himmel, dem Ozean und dem zügellosen Sex. In dieser Reihenfolge, nehme ich an.

Wenn jemand mein Tagebuch (und/oder das, was es darstellt) begleiten möchte: Herzlich willkommen. Wer nicht will – der weiß wo der Blog-Ausgang ist.

Was ich nicht brauche, sind Gören, Bitches, Männer oder Frauen, die mir sagen wollen, wie ich zu leben habe. Ich bin star-struck, unstet, egoistisch, arrogant und alles andere, was ihr sonst noch in mich und in mein Leben hineininterpretieren wollt. Und ich bin tierisch gut im Bett. Entweder genießt ihr das Verschiedene oder erstickt an eurem Gutmenschentum.

Eure Wahl.

Kein Bild mehr ohne Alibifarben
oder
Gutmenschentum für Anfänger

Zwischendurch:

Auf Wunsch von Miranda fliege ich doch schon nach Palm Springs. Und bereite mich seelisch und moralisch auf jede Menge Ärger vor.

Dämonin alter Schule

Vor mir auf dem Tisch liegen vier Polaroidfotos von vier verschiedenen Booten.

Mazikeen hat sie wortlos vor mir ausgebreitet, nachdem ihre vorerst letzte Ohrfeige mich zum Schweigen gebracht hat. Die Namen der Yachten hat sie mit einem Filzstift auf die unteren Ränder gekritzelt: baby girl II, speed girl, Demon und Lady Brendan. Die ersten beiden Boote sind große, schlanke Rennsegler von der Sorte, wie sie am America’s Cup teilnehmen könnten, eines davon ist in vollem Kampfdesign, mit zig Werbelogos versehen. Das dritte Boot ist ein moderner 50 oder 60 Fuss grosser Katamaran, grau und düster designed, der seinem Namen Demon alle Ehre macht. Das vierte Bild zeigt unsere gute alte Ketch, mit der wir früher schon einmal den Atlantik überquert hatten, seltsam sauber allerdings und zweifelsohne in den alten Farben – burgunderrot und grau – neu gestrichen.

Maze macht das manchmal: Sie packt ihre alte Polaroid aus und schießt damit die besonderen Fotos. Sie macht das, wenn sie die Zeit anhalten möchte, als Atempause, um besondere Erinnerungen oder Situationen festzuhalten, die zuviel Bedeutung haben, um mittels spiegelreflektierter Pixel ein digitales Schattendasein zu führen. Chemische Momente nennt sie das. Was sie verabscheut sind Handyfotos und Menschen, die glauben, dass inflationäre „Telefonknipsereien“ Erinnerungswert besitzen würden. Mazikeen hasst nicht die Menschen, sie hasst Oberflächlichkeit. (Was auch der Grund ist, warum sie telefoniert und keine Kurznachrichten verschickt. Außer an mich, weil sie weiß, dass mein Handy grundsätzlich keine Töne von sich gibt, also auch keine Klingelzeichen.) Mazikeen fotografiert mit ihrer Profi-SLR oder manchmal eben mit ihrer altertümlichen Polaroid. Niemals mit „Sachen, mit denen man telefonieren kann“. Sie ist ein Dämon alter Schule. Sie schreibt noch richtige Briefe. Ernsthaft!

„Was will die Künstlerin mir mit den Bildern sagen und wo hast du das Foto von Lady Brendan gemacht?“

„Zuhause“, entgegnet sie knapp. Egal wo wir gerade wohnen, mit „Zuhause“ bezeichnet sie ausschließlich Orcas Island und insbesondere ihr Anwesen am nordwestlichen Strand der Insel. Wobei, genaugenommen ist es ja unser Anwesen, denn mein Name steht seit mehr als zehn Jahren neben ihrem im Grundbuch. Ausschließlich auf ihre Veranlassung hin, möchte ich betonen.

„Lady Brendan liegt vor Washington?“, frage ich verwundert: „Wie kommt sie denn dahin?“ Wir hatten den alten Zweimaster damals nämlich nach Australien, nach Brisbane, verkauft. Und zwischen dort und Orcas liegen mindestens sechs bis acht Wochen Pazifik. Bei gutem Wetter.

„Ich habe sie gekauft.“

Fragezeichen kreisen um meinen Kopf. Wieso würde meine Frau heimlich unseren alten Segler kaufen?

„Hinter meinem Rücken?“ Ich sage es und weiß im selben Moment, dass diese Frage noch dümmer ist, als alles Andere, was ich für gewöhnlich von mir gebe. Alles, was Mazikeen macht, passiert genaugenommen „hinter meinem Rücken“, weil mein Dämon meist nicht viel mehr als die Rückseite von mir zu sehen bekommt. Ich beachte nicht, was sie tut. Wenn wir nicht gerade gemeinsam auf einem Boot eingesperrt sind oder/und höllischen Sex haben, weiß ich nichts von dem, was sie den lieben langen Tag so treibt. Irgendwas mit Rennbooten, glaube ich. Ich weiß ich bin eine schreckliche Ehefrau. Aber: Wenn mich jemand liebt, ist er schließlich selbst Schuld. Ich spreche dafür keine Einladungen aus.

Ich verfolge dieses spezielle Thema nicht weiter, sondern heuchle noch einmal allgemeines Interesse, damit ich irgendwann meinen Kaffee wieder in Ruhe und ungestört trinken kann. Meinen KALTEN Kaffee!

„Wem gehören die anderen Boote?“

„Mir.“

„Aha.“

Ich gebe zu, dass unsere Gespräche oftmals etwas – sagen wir – nordfriesisch knapp gehalten sind. Aber man muss ja nicht jedes Mal gleich Romane erzählen, wenn man Zeit sparen kann um sich auf die wichtigen Dinge des Lebens, Kaffee und Sex, zu konzentrieren. Sowohl Höllenfürstinnen wie Dämonen definieren verbal eher klitoraler.

Ich hätte jetzt nachfragen können, warum Maze unser altes Boot gekauft hat, doch ich bin mir sicher, dass sich die Antwort darauf im weiteren Verlauf des Gespräches ergeben wird, warum also unnötig Energie verschwenden? Je mehr Gequatsche, desto kälter wird der Rest meines Kaffees!

Hat Mazikeen meinen aktuellen Kaffeenotstand bemerkt oder warum steht sie auf? Sie will doch nicht etwa um den Tisch herum und sich mit mir zu prügeln? Das wäre mir um diese Uhrzeit echt zu anstrengend! Andererseits habe ich auch nichts getan, was einen ausgewachsenen Dämonenangriff rechtfertigen könnte! Aber – Entwarnung – sie geht in die Küche um Kaffee zu kochen. Versteh einer diese Höllenwesen!

„Ich handele mit Yachten, wie du weißt.“

Wie ich weiß? „Woher soll ich das wissen?“

„Interessant“, nickt Maze und schüttet zwei Messlöffel Kaffee in die Metallkanne.

„Ich dachte, du konstruierst Rennboote?“

„Auch.“

Maze ist also auch im An- und Verkauf tätig. Frau lernt ja immer gerne dazu. Auf dem Elektroherd kocht das Wasser. (Und wieso gibt es auf diesem Boot eigentlich keinen elektrischen Wasserkocher?)

„Du interessierst dich wirklich nicht für mich, oder?“

Ich schaue zu, wie sie die kleine Kanne bis zum Rand mit heißem Wasser füllt.

„Das ist die Mutter aller dummen Fragen“, sage ich.

Maze startet die Stoppuhr ihrer Omega*.

„Stimmt“, gibt sie zu: „Für Tammy gibt es nur Tammy.“

„Wen sollte es sonst noch geben? Ich bin evolutionsgeprägt.“

Der Witz ist, dass das nicht stimmt. Neben mir selbst gibt es noch Joana. Aber Mazikeen weiß genau, dass sie selbst immer nur meine Nummer 2 sein wird. Genaugenommen lautet meine Prioritätenreihenfolge: Joana, Tammy, Maze. Shit happens. Auf diese Tatsache ist sie noch nie wirklich eingegangen, wenn man mal davon absieht, dass sie immer alles versucht hat, dass es zwischen Joana und mir funktioniert. Ich vermute, dass es genau das ist, was einen persönlichen Dämon ausmacht: Höllenfürstin zuerst. Umso verwunderlicher ist ihr jetziger Vorstoß.

Ihre nächste Aussage bestätigt die Veränderung zumindest teilweise. Abgesehen davon, dass ich mich wieder zu einem Lachanfall hinreißen lassen: „Die Fliegerei ist für dich vorbei.“ Wie zur Bestätigung piepst ihre Omega.

Normalerweise bin ich ja die Schlagfertigkeit in Person, doch in diesem Moment fällt mir nichts ein. Mazikeens Aussage ist lächerlich und erschreckend zugleich. Maze hat in keiner Weise Spaß gemacht. Dämonen können so etwas nämlich nicht. Seelenlose Folterknechte kennen lediglich Ironie und Sarkasmus.

Oder blanken Ernst.

Höllischer Sarkasmus

Fußnote:

* Maze besitzt eine Omega Seamaster und trägt sie 24/7. Ich schwöre, ich habe meinen Dämon noch nie ohne sie gesehen. Die Modelle haben im Laufe der Jahre gewechselt – heute ist es eine nagelneue, 12.000 Dollar teure America’s Cup. Eine Seamaster ist es immer.

Ich selbst besitze eine kleine Sammlung von eher billigen Armbanduhren – angefangen von einer 150 Dollar Casio (Wave Ceptor Solar, meine Lieblingsuhr) über diverse schicke, aber zerkratzte G-Shocks (merke: Casio G-Shock-Uhren sind ihr Geld nicht wert) und einer einfachen Tissot Touch 2 (mit einem Preis von 700 Dollar meine teuerste Uhr, gedacht für besondere Anlässe).

Mazikeen hat nur diese eine Omega. Aber die treibt jedem, der sie auch nur von Weitem sieht, den grünen Neid ins Gesicht. Auch mir übrigens. Warum ist sie eigentlich noch nie auf die Idee gekommen, mir eine zu schenken? Daran sollte ich arbeiten.

Zwischendurch:

Es war unsere letzte Nacht auf der Amelyacht. Wir packen zusammen. Ken, Gernot und ich werden von meinem Dad mit dem Auto abgeholt. Wir fahren nach Notodden, wo meine Freunde noch ein paar Tage Urlaub machen. Mazikeen fährt direkt nach Oslo, um dann in die Staaten weiterzufliegen.

Es war eine ganz nette kleine Winterreise gewesen. Gestern Abend hatte der Wind noch einmal aufgefrischt, die Einfahrt in den Fjord von Larvik verlief aber unspektakulär.

Mein Job beginnt am 1. März wieder. Aber ich fürchte, was ich Anik und Miranda zu berichten habe, wird ihnen nicht gefallen.

Davon später mehr.

Sexy like hell

„Du findest das also witzig, ja?“

„Irgendwie schon“, habe ich genickt.

Leider hat sie das ernst gemeint. Das mit der Rebellion. Dass es jetzt nach ihrem Kopf gehen soll. Ich weiß, es klingt nach Fantasy-Geschichten – ein Dämon mit eigenem Willen und so – aber genau das scheint sie sich einzubilden. Dass künftig ICH mache was SIE sagt und nicht umgekehrt. Sachen gibt’s…

Die Frau scheint wirklich zu glauben, es gäbe irgendwen auf der Welt, der mich dazu bringen könnte, etwas zu tun, was Andere von mir verlangen. Ohne mich vorher totzuschlagen. (Selbst dann wird das schwierig, könnte ich mir vorstellen.) Zugegeben, Erpressung wäre ein Mittel, das funktioniert ja manchmal, wenn Miranda und Anik etwas von mir wollen. Doch eigentlich sind sie damit auch nur deswegen erfolgreich, weil ich letztlich das Gleiche will. Aber mich dazu zu bewegen, etwas zu tun, was ein Dämon will…? Come on…!

„Was willst du denn tun, wenn ich nicht mache, was du sagst?“ Eine berechtigte Frage, finde ich.

KLATSCH!

Was Dämonen wollen…

Auf sowas muss man erstmal kommen! MIR eine zu feuern! Ernsthaft jetzt: Ich bin aktive Kickboxerin und trage eine geladene 38er in der Handtasche! Wer, in aller Welt, wagt es, mir eine zu verpassen?! Ich habe nicht schlecht gestaunt!

Und mir die Backe gehalten: „Aua!“

„Da sind noch mehr, wo die herkam.“

ECHT JETZT?

„Du hast da etwas falsch verstanden“, versuche ich ihr die Situation zu erklären: „Du sollst die Leute verprügeln, die nicht nett zu mir sind…“ Ich hole tief Luft: „UND NICHT MICH!“

KLATSCH!

Scheiße. Sie kapiert es nicht.

Ich stelle den Rest von meinem Kaffee auf den Tisch und schicke mich an aufzustehen.

„Ich würde das nicht versuchen“, warnt mich Mazikeen.

Das Problem mit Dämonen ist, dass es nicht zielführend ist, sich mit ihnen anzulegen. Dass Höllenfürsten gefallene Engel und damit mächtiger als ihre dämonischen Handlanger sind, ist ein Märchen. Man muss sich nur meinen Ehe-Dämon anschauen: Mazikeen ist bedeutend größer und stärker als ich, um Lichtjahre schneller und hat Reaktionen, die man nur noch in Mikrosekunden messen kann. Und zu allem Übel ist sie auch noch hübscher. Und sexy like hell. Was natürlich für einen Dämon sehr hilfreich ist. Und mich aussehen lässt wie ein halb verwelktes Mauerblümchen. Schon doof.

Also bleibe ich sitzen.

„Kommen wir zur Sache…“ Ihre ohnehin schon schwarzen Augen werde noch dunkler. (Ernsthaft jetzt? Das geht?)

„Ich bitte darum…“, entgegne ich und wappne mich für die nächste Ohrfeige.

Was sie dann sagt, ist nicht jugendfrei und überzeugt mich, dass entweder sie zum Psychiater muss oder ich zum Ohrenarzt!

(Fortsetzung folgt)

Was brave Dämonen tun

Ein halbes Jahr.

So lange dauert – theoretisch – Mazikeens Traumreise. Oder besser: der erste Teil von Mazikeens Lebenstraum. (Sofern man bei Dämonen von so etwas sprechen kann.) Bezieht man Landgänge in unzähligen spannenden Städten mit ein, dann sprechen wir hier wohl eher von einem ganzen Jahr.

Aber der Reihe nach.

Nach einer eher unspektakulären Nacht auf See, nehmen wir nun direkten Kurs nach Osten, Richtung Larvik. Wenn das Wetter bleibt erreichen wir unser endgültiges Ziel wohl spätestens am Sonntag. Laut Vorhersage wird es noch ein wenig Wind geben, auch eine kleine Flaute zwischendurch. Norwegisches Seewetter ist spannend.

Und jetzt zum Thema Mazikeen.

Es ist etwas passiert, was ich mir nicht hätte vorstellen können: eine Dämonenrebellion!

„Jetzt rede ich und du wirst zuhören!“ Noch nicht einmal im Traum hätte ich gedacht, dass Maze jemals so etwas zu mir sagen würde, oder überhaupt dazu fähig wäre! Sie ist schließlich, nach eigenem Bekunden, nur ein Dämon, der zu so einer Aussage gegenüber ihrer Höllenfürstin – also mir – überhaupt nicht fähig ist. Dämonen sind zum Dienen gemacht worden. Punkt.

„Weißt du eigentlich, was ich die vergangenen 20 Jahre gemacht habe? Ist dir das bewusst?“

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich keine Ahnung habe. Wer interessiert sich auch schon dafür, was Dämonen in ihrer Freizeit treiben? Boote bauen?

„Ich habe gemacht, was du wolltest. Und wenn ich mal Dinge getan habe, die mir etwas bedeuten, dann hast du dich nicht dafür interessiert.“

Äh… Also… Ich…

„Während du andere Weiber gefickt hast, habe ich brav zu Hause gesessen und darauf gewartet, dass du in ein paar Jahren wieder auftauchst. Zwischenzeitlich habe ich deine Angelegenheiten verwaltet, deine Fehler ausgebügelt und für uns Geld verdient. Was du danach wieder ausgegeben hast.“

„Ist es nicht das, was brave Dämonen tun?“, grinse ich.

„Unterbrich mich nicht!“

„Dann komm zum Punkt!“

„Es wird Zeit, den Spieß umzudrehen.“

Okay, DAS habe ich nicht erwartet. Ich meine – ich wusste gar nicht, dass Dämonen Witze machen können. „Was ist das hier? Eine Satire-Show?“, frage ich.

„Nach 20 Jahren will ich endlich auch einmal Dinge tun, die MIR etwas bedeuten.“

„Es sind 19.“ Glaube ich. Ich muss das mal durchrechnen.

„Du sollst mich nicht unterbrechen!“

Irgendwie ist das süß. Ein Ehe-Dämon mit eigenem Willen? Das ist schon fast sexy. Fast.

„Ja, Mam“, grinse ich.

„Ab sofort – und ich meine AB SOFORT – werden wir tun, was ICH sage!“

Jetzt ist es passiert: Ich muss so heftig losprusten, dass ich meinen Kaffee über das halbe Sofapolster verteile!

(Fortsetzung folgt…)

Ehe-Dämon mit eigenem Willen?

Wind?

Ich fasse es nicht! Dieses Mis …

Okay, der Reihe nach. Natürlich sind wir zu spät in Stavanger angekommen. Der Wind blies mit bis zu 25kn und bis wir in den letzten Fjord drehen konnten (selbstverständlich unter vollen Segeln) war es stockfinster. Die Hafenaufsicht hat uns dann verraten, dass das Segeln in der Nacht – und generell – in dem engen Fjord überhaupt nicht gern gesehen wird. Dass fremde Boote nachts in eine Marina wollen, ist allerdings nicht wirklich etwas Neues. Natürlich wurde uns überflüssigerweise auch das mitgeteilt. Ganz höflich natürlich. Hatten wir auch nicht vor, wir haben daneben geankert. (Eine 3/4 Stunde bis das geklappt hat!) Aber Behörden widerspricht man nicht.

Das Ankern war aber auch keine so tolle Idee, denn nach nur wenigen Stunden Schlaf mussten wir wieder los. Offenbar waren wir im Weg. Na ja…

Oh Wunder: Der Sturm hat sich wieder gelegt und während es im Hafen noch geregnet hat, herrscht auf dem Meer bestes Wetter. Aber, wie könnte es anders sein: Der Wind hat fast komplett aufgegeben (2kn) und das letzte bisschen Luftbewegung kommt aus der komplett falschen Richtung. Ohne den Motor steht das Boot. Man fühlt sich ein wenig wie im Auge eines Hurrikans. Aber erfreulicherweise 😉 haben wir ja einen recht brauchbaren Motor und machen gegen das laue Lüftchen ganz gut Fahrt. (Nein, ich meckere NICHT bei Allem und Jedem, ich kann Flaute nicht leiden, aber ein ordentlicher Sturm macht schon Spaß. Nur nicht mit einem geliehenen Boot, auf das man aufpassen muss wie auf ein rohes Ei.) Erfreulicherweise soll der Wind sich am späten Nachmittag drehen und die Flaute nicht lange anhalten. Vor allem weiter draußen kommt der Wind zurück. Wieviel bleibt abzuwarten. Abgesehen von einer weiteren toten Zone am Samstagmorgen klingt die Vorhersage ganz brauchbar. Allerdings haben wir ja gesehen, was von der gestrigen zu halten war. Ich lasse mich überraschen.

Und nun zum Thema Mazikeen. (Ganz nebenbei: Wir werden die Amel schon in Larvik zurückgeben, der Besitzer möchte das Boot selbst durch den Oslofjord segeln. Soll mir recht sein.)

Moment …? Wind? Kommt da etwa Wind auf? 4,8kn bereits aus Südost. Stetig steigend. Das macht Hoffnung! Noch zwei Knoten mehr und ich schalte das nervige Brummgeräusch ab!

Wie schaffe ich es eigentlich ständig vom Segeln zu schreiben, wenn hier gerade das Unglaublichste seit Jahrzehnten passiert ist? (Abgesehen von der Sache mit Joana.)

Okay, jetzt wird das Erzählen der Mazekeen-Geschichte schwierig. Mittlerweile ist es 17 Uhr und der Wind bläst wieder ganz ordentlich und sogar halbwegs aus der richtigen Richtung. Wir segeln ziemlich dicht am Wind nach Südsüdwest, weiter raus in die Nordsee. Wir hoffen, dass der Wind tatsächlich heute Nacht weiter dreht und wir rechtzeitig einen weiter östlichen Kurs Richtung Oslo anlegen können.

Ja, wir segeln wieder durch die Nacht, was bedeutet, dass Ken und Gernot jetzt noch eine Runde schlafen werden. Was wiederum für mich bedeutet, dass ich mich wieder voll auf das Boot konzentrieren muss, zumal es inzwischen dunkel wird.

Also werde ich diese unglaubliche Geschichte erst morgen erzählen können. Shit happens.

Durch die Nacht