Lady Brendan und ich

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell, wie konsequent und wie überraschend meine Schwester bei mir auftauchen kann, wenn sie etwas von mir will – oder nicht will, je nachdem. Ich war noch nicht richtig angekommen, da steht sie schon in der Tür.

Joana hat mir ihr Haus in Bel Air überlassen – für das ich ohnehin die Schlüssel habe – weil sie selbst (*seufz) bei Dreharbeiten ist. Ich habe erst für morgen den Weiterflug nach Palm Springs geplant, obwohl – ich bin nicht sicher, ob das überhaupt noch Sinn macht, denn Aniks Gesicht wirkt seltsam bedeutungsschwer.

Das war der Anfang meines Tagebucheintrags und dann kam Putin, der Irre.

Krieg

Noch während wir im Café saßen, kam zuerst die Nachricht vom Krieg und keine 10 Minuten später per Telefon die Warnung von Miranda, dass unsere gesamte Expansion nach Europa auf Eis gelegt wird. Warum muss ich eigentlich ständig in Firmen investieren, die wegen Viren oder Kriegen Pleite gehen?

Zugegeben, von Pleite kann (noch) keine Rede sein, doch die aufge(sc)hobene Ausweitung macht das Leben auch nicht leichter. Vor allem, da Vilnius – of all places – ein angedachter Standort für unsere beiden neuen Flugzeuge war!

Konsequenzen

Natürlich hat sich die Situation unserer Firma durch den Ukraine-Krieg gewaltig geändert. Miranda hat prophezeit, dass sich unsere Aufträge für Europa deutlich reduzieren würden. Was sich schon am ersten Kriegstag bestätigt hat: Die Studios beginnen nach neuen Locations zu suchen. Drehs, die für Osteuropa geplant waren, werden auf Eis gelegt oder in die Staaten verschoben. Vor allem die Majorproduktionen suchen neue Locations in den Staaten, es gibt hier ja viele Alternativen. Drehorte in Osteuropa waren ja vor allem aufgrund der geringeren Kosten für die Produktionsfirmen attraktiv gewesen. Kein Studio möchte seine Stars auf einen Kontinent schicken, von dem man nicht weiß, ob nicht in der nächsten Sekunde Raketen fliegen. Oder, weniger dramatisch, von dem man nicht weiß, welche Flugrouten in den nächsten Stunden überhaupt noch existieren.

Europa ist für uns also erst einmal gestorben. Was bedeutet, dass die neue 738 eine Fehlinvestitution war. Das gleiche gilt für ihre Crews und für mich, denn ich werde nicht mehr so dringend benötigt, wie noch vor ein paar Tagen.

„Der ideale Zeitpunkt für dich, dir einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Der Himmel stehe ihm bei!“, meint meine (jetzt Ex-) Chefin süffisant.

Entscheidungen

Aber natürlich hat Miranda längst erfahren, dass ich ohnehin nicht vorhatte, meine Arbeit noch einmal ernsthaft aufzunehmen. Ein oder zwei Monate wäre ich noch geblieben, um die neuen Piloten einzuarbeiten, doch dann wäre ich Mazikeens Aufforderung gefolgt und hätte meine Pilotenkarriere an den Nagel gehängt. Zumindest fürs erste. Wenn ich zwischen meinem Dämon und allem Anderen auf der Welt wählen muss, gibt es für mich keine andere Entscheidung.

Maze weiß das. Erstaunlich ist nur, dass sie mich vor diese Alternativen gestellt hat. Andererseits – sie hätte mich nicht verlassen, das könnte sie gar nicht. Dämonen sind dazu verdammt ihren Höllenfürstinnen bis in alle Ewigkeit zu folgen. Ich nehme an, sie würden sich ansonsten in eine Rauchwolke auflösen oder sowas. So oder so: Mazikeen hat Recht, wenn sie sagt, dass ich fast zwanzig Jahre alleine über unser Leben bestimmt habe, und es Zeit wird, daran etwas zu ändern.

Lady Brendan

Es ging alles Schlag auf Schlag. Noch während es in der Ukraine ernst geworden ist, haben Ken und Gernot ihre Sachen gepackt und sind nach Orcas geflogen. Jetzt sind sie bereits auf See und haben südlichen Kurs Richtung Bowerman eingeschlagen, wo ich zu ihnen stoßen und die Lady Brendan übernehmen soll.

Ja, unsere gute alte Lady Brendan, die Ketch, mit der wir schon so viele Meilen auf See verbracht haben. Maze wusste von Anfang an, welches Boot ich wählen würde, gar keine Frage. Die anderen Yachten hat sie einem örtlichen Broker übergeben und ich bin sicher, dass sie in allerkürzester Zeit neue Besitzer finden werden, zumal es in solch unsicheren Zeiten immer mehr Menschen aufs Meer zieht. Da draußen überlebt man bei einem nuklearen Armageddon ein paar Monate länger. Was jedoch nicht der Grund für meine Entscheidung ist.

Ket(s)ch

Die Lady Brendan. Wer dieses Tagebuch schon länger verfolgt, kennt sie noch. Ein alter Zweimaster, eine sogenannte Ketch, bei der der hintere Mast kleiner ist und hauptsächlich eine stabilisierende Funktion hat. Sie hat durch ihren Langkiel wenig Tiefgang (1,60 Meter), was ideal für Inselhopping ist; neben einem Katamaran ist sie das ideales Boot für, zum Beispiel, die Karibik. Was jedoch (vorerst) nicht unser Ziel sein wird. Der kurze Kiel macht sie sehr stabil für die großen Fahrten, aber darunter leidet die Wendigkeit. Es müssen immer Kompromisse gemacht werden. Auch bei Booten gibt es keine eierlegende Wollmilchsau.

Sie ist mit 15 Meter Länge kein Riesenschiff, jedoch auch kein sonderlich kleines. Mit nur knapp 4 Meter Breite, hat die Lady Brendan schon fast Modelmaße. Schick, schick! Und unter vollen Segeln (5!) ist sie eine wahre Schönheit! Schnell ist sie nicht gerade; wer erwartet von einem Higheels-Model auch schon Sprintqualitäten!

Tatsächlich ist sie gegenüber den möglich gewesenen Alternativen das mit Abstand langsamste Boot (unter anderem aufgrund des Langkiels). Sie ist alt und aus Holz. Rennen kann man mit ihr nicht gewinnen. Mein Herz hat sie aber. Zumal Maze sie mit allem ausgestattet hat, was gut und teuer ist. Auf diesem Boot haben sogar die Reservesysteme Reservesysteme. Sie ist auf Langzeitreisen ausgelegt. Ihre Zeit auf See ist lediglich durch die Menge an Lebensmittel beschränkt, die wir bunkern können. (Und der Menge meiner Tabletten.) Ergo auch durch die Zahl der Besatzungsmitglieder, die wir aus diesem Grund so niedrig wie möglich halten. Maze und ich hatten ein paar Telefondidkussionen, ob wir zusätzliche Besatzung brauchen oder nicht.

Die Besatzung

Eine alte Ketch (deutsch: Ketsch) ist kein moderner „Knopfdrucksegler“. Trotzdem oder wunderlicherweise ist sie schon fast das ideale Boot, behauptet Maze, um ganz alleine die Welt zu umrunden. Zumindest könnte das ein sehr erfahrener Seemann. Noch erstaunlicher: Je größer die Ketch ist, desto einfacher lässt sie sich segeln!

Darüber haben Maze und ich lange diskutiert. Ihre Meinung: Der kleinere Besanmast achtern (im Gegensatz zum bekannteren Schoner; der hat in der Regel zwei oder mehr gleich große Masten) und der Langkiel stabilisieren das Boot derart, dass immer genügend Zeit bleibt, um sich um die Hauptsegel in der Mitte und vorne zu kümmern. Plus: Kleinere Segel (mit kleineren Einzelflächen aber gleichem Gesamttuch) lassen sich von einer einzelnen Person, selbst bei schwerem Wetter, leichter handhaben. Um größere Segel aufzuziehen wird sonst oft ein zweiter Seemann benötigt. Vermutlich hat Maze Recht; sie ist schließlich der Bootsingenieur, nicht ich.

Also haben wir uns entschieden, diesmal keine weitere Besatzung anzuheuern. Vier Mann im Zwei-, teilweise Drei-Schicht-Betrieb reichen aus. Ich bin gespannt. Auf jeden Fall wird es eine Menge Spaß machen, sich bei Seegang von Segel zu Segel und von Mast zu Mast zu hangeln.

Außerdem schaffen wir, aufgrund der neuen Ausstattung, mit nur vier Leuten – plus gegebenenfalls ein oder zwei Gästen – bequem fünf bis sechs Wochen auf See, ohne zu verhungern oder zu verdursten.

Das liebe Geld

… ist vorhanden. Sonst bräuchten wir erst gar nicht zu starten. Ich war richtiggehend schockiert, wie viel Mazikeen in den vergangenen zwanzig Jahren gehamstert hat! Und ein wenig bringt mir meine Beteiligung ja auch. Zumindest wenn diese Airline diese Krise übersteht. Das letzte Mal  ging das ja ziemlich schief.

Selbst Ken hat ein wenig „auf der hohen Kante“! (Woher dieser komische Ausdruck wohl kommt?) Was Gernot angeht – keine Ahnung, ist Kens Problem, nicht meines.

Wann wir starten

Es war meine vorerst letzte Nacht in Joanas Haus. Heute geht es noch nach Bowerman, wo die Yacht vermutlich morgen ankommen wird. (Das Wetter ist derzeit etwas launisch auf See.)

Auf jeden Fall freue ich mich riesig wieder ein Boot zu übernehmen. Diesmal sogar ohne mir ständig Sorgen um das liebe Geld zu machen.

„Sparen hilft“, grinst Mazikeen.

Wie gut, dass das wenigstens einer von uns kann!

Eine Ketsch mit drei Vorsegeln, Hauptsegel und Besan

PS: Es mutet komisch an und es fällt ein wenig schwer, über das Segeln und unsere bevorstehende Weltreise zu schreiben, während in der Ukraine die Menschen ins Kriegselend gestürzt werden. Aber muss ich deswegen mein eigenes Leben anhalten? Trage ich Schuld für jeden Irrsinn, der auf der Welt passiert? Ich setze mich finanziell für die Dinge ein, die mir am meisten am Herzen liegen, und das muss reichen. (Die Obdachlosen in den Staaten bleiben trotz des Krieges in Europa obdachlos und haben Hilfe verdient, auch wenn die Medien über andere Dinge reden.) Und was das Politische anbelangt: Ich habe längst aufgegeben, mich in den sozialen Medien diesbezüglich zu äußern (Ausnahme: Trump. Das ist keine Politik, das ist Selbstverteidigung). Ich beteilige mich nicht mehr an diesen hasserfüllten Diskussionen, die das Leben im öffentlichen Online-Raum so schwierig machen. Natürlich habe ich auch online meine Leidenschaften, das bleibt nicht aus: Ich wettere gegen das idiotische und sexistische Gendern und das sogenannte „politisch Korrekte“, und ich halte auch nicht hinterm Berg, wenn es ums Impfen und gesellschaftliche Verantwortung geht. Beides ist auch politisch, ich weiß. Jeder hat so seine Themen. Doch ich diskutiere nicht und lese auch keine Kommentare auf Twitter und Co. Aber wer Schuld an Kriegen hat? An Aufrüstung und Hetze? Dem Wiedererstarken alter Seilschaften? Ob Demokratie Sinn macht? Und, und, und … Keine Lust dazu, denkt was ihr wollt.

Wer von Weltreisen und fernen Ländern lesen will (und gerne auf Telegram auch Fragen stellen möchte), vom Segeln und von Ozeanen und von den verrückten (sexuellen) Beziehungen auf engstem Raum – der ist hier richtig. Krieg und Ärger jedoch, bleiben weitestgehend draußen.

Hier gibt es Sex statt Krieg

Noch mehr Sex gibt es hier!

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